Wandern zwischen den Welten....

07.11.06

El dia de los muertos - Tag der Toten

Der Tag der Toten – Allerheiligen – ist in Peru alles andere als ein trübseliger Tag. Ganz im Gegenteil – aus nah und fern kommen die Menschen zu den Gräbern ihrer Familienangehörigen und feiern das Gedenken an den geliebten Menschen.

Da werden Lieblingsspeisen aufgetischt, das Grab mit Blumen geschmückt, die Pacha Mama mit Bier verwöhnt.

Auf dem Friedhof herrscht ein buntes Treiben – Blaskapellen spielen zum Tanze auf,eine Vielzahl von Essensständen bieten von Ceviche bis Pachamanca alles, was in Peru gern gegessen wird.

Für’s Heulen und Zähneklappern kann man Profis engagieren und muss sich dann schon nicht mit trüben Gedanken herumschlagen, auch das Beten für den Toten wird an einen Profi delegiert, der schon auch mal ein paar lateinische Verse aufsagen kann. Grabkreuze werden an diesem Tag zur Ehre des Toten neu bemalt, und wer kein Geld für ein Grabkreuz hat, der bemalt eben die Steine auf dem Grab.
In jedem Fall soll’s bunt sein, nicht nur im Leben, sondern auch im Tod. Und keiner kriegt das besser hin als die Latinos! Viva la Vida - es lebe das Leben!

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16.07.06

Fiestas Patrias

Es ist mal wieder so weit! Alle Jahre wieder, mitten im Winter... nein!!! Nicht Weihnachten!!!! Fiestas Patrias!!! Die Feierlichkeiten zur Unabhängigkeit Perus von der spanischen Krone. Fiestas Patrias – das ist der wichtigste staatliche Feiertag in Peru, zahlreiche Paraden und Veranstaltungen sind für diese Tage angesagt, alle haben Ferien, fahren zu ihren Verwandten, essen zu viel, gehen sich nach drei Tagen auf die Nerven und sind dann auch froh, wenn der Spuk wieder vorbei ist. Fast wie an Weihnachten eben, nur dass das in dem Fall „Fiestas Patrias“ heißt und man statt eines Weihnachtsbaums eine rot-weiße Flagge hisst... Diese ist das sichtbarste Zeichen von Fiestas Patrias und schmückt schon seit Tagen und Wochen die Häuser und öffentlichen Gebäude.

Das Flaggenhissen ist – wie ich inzwischen weiß – nicht etwa Jedermanns ganz persönlicher patriotischer Gesinnung überlassen, sondern eine Bürgerpflicht, für deren Nichtbeachtung man sogar zur Strafe gezogen werden kann.

So haben auch meine deutschen Freunde Sabine und Alex, die ein paar Blocks von meiner Wohnung entfernt ein Haus bewohnen, von ihrer Vermieterin den Hinweis erhalten, dass sie dieser Pflicht nachzukommen haben. Deutsche hin oder her, das Haus braucht eine Flagge und da gibt es keine Diskussion. Als interkulturell aufgeschlossene Menschen sind die beiden dann also losgezogen, um besagtes Utensil zu kaufen – was nicht wirklich viel Mühe macht, weil die Flaggen derzeit in allen Größen und in verschiedenen Qualitäten an jeder Straßenkreuzung zum Kauf angeboten werden.

Alex entschiede sich für eine hübsche, große Flagge mit dem Regierungswappen drauf – man will ja schließlich nicht geizig wirken! Zu Hause knüpfte er sie auf einen alten Besenstil, den er wiederum mit Schnur und ein bißchen kreativem Geknote am Balkongeländer befestigte und fertig war die Bürgerpflicht: Flagge gehisst! Sabine gab nach einem kritischen Blick die Straße rauf und runter zu bedenken, dass eigentlich alle anderen Häuser der Straße nur die schlichten rot-weiß-gestreiften Flaggen gehisst hätten und sie mit der Wappen-Flagge doch etwas aus dem Rahmen fielen. Aber Flagge ist Flagge und Alex fand, dass der peruanischen Bürgerpflicht damit dann doch wirklich Genüge getan sei.

Andere waren da anderer Meinung... kaum wehte die Fahne im limeñischen Wintergrau, klingelte es kurz darauf an der Tür. Die Nachbarin kam, um ein ausgiebiges Schwätzchen über ihre in Holland lebende Tochter, die Müllabfuhr und den grauen Wintertag zu halten, welches dann nach einer halben Stunde endlich seinem eigentlichen Inhalt entgegensteuerte, nämlich der eben frisch und frei gehissten Fahne! Die gute Nachbarin wies sichtlich indigniert darauf hin, dass die Fahnen mit dem Regierungswappen doch den öffentlichen Gebäuden vorbehalten seien und dass dieses Exemplar also auf jeden Fall wieder einzuziehen wäre. Dezent merkte sie außerdem noch an, dass der krumme Besenstil dem Status der Nationalflagge doch entgegenstehe und schließlich seien Sabine und Alex doch wirklich sehr nette Menschen und man käme ja auch bestens miteinander aus, so in der Nachbarschaft, und also sie hätte da zum Glück ganz zufällig noch eine nagelneue Fahne und eine Fahnenstange übrig und wenn sie die doch bitte gerne annehmen wollten.. woraufhin sie die fein säuberlich gebügelte und gefaltete Fahne aus ihrer Tasche zog, Sabine und Alex ihr peinliches Objekt also wieder entfernten, um dann die richtige Fahne mit der richtigen Fahnenstange unter fachlicher Aufsicht richtig und sachgemäß am Balkon zu installieren. Felices Fiestas Patrias! Da soll noch einer sagen, die Deutschen seien Quadratschädel...


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03.11.05

Todos los Santos - Allerheiligen

Erster November 2005 – Allerheiligen. Ich habe mit einem Freund ausgemacht, dass wir gemeinsam zu einem der größten Friedhöfe Limas fahren, in Villa Maria del Triunfo, einem der vielen armen Stadtteile Limas, in denen die ganze Schizophrenie dieser verrückten zu Tage tritt...

Der Friedhof ist riesengroß, hier sind ca. 30.000 Gräber - teils Mausoleen aus Beton und Kachelsteinen, teils schlichte Holzkreuze im staubigen Wüstenboden mit ein paar tristen Steinen, die die Fläche kennzeichnen, unter der der Tote begraben liegt. An Allerheiligen pilgern die Familienangehörigen zum Grab – teils kommen sie von weit her angereist, um den Toten zu besuchen, teils wohnen sie gleich um die Ecke.

Sie bringen Essen und Trinken mit, am Straßenrand und im Friedhof sind viele Stände, an denen man Blumensträuße kaufen kann, und wer kein Geld für echte Blumen hat, kann für 2 Soles ein Blumenbouquet aus Plastik kaufen. Dicke Frauen mit bunten Schürzen verkaufen die für diesen Tag typischen Wawas - Teigfiguren mit bunten Zuckerstreuseln, die den Toten als besondere Spezialität angeboten werden und die auch den Lebenden nicht schlecht munden. Andere verkaufen kleine Spielzeugwaren für die Gräber der Kinder, Wasser in Plastikbeuteln für die Blumensträuße, da ist ein Karussell und ein kleines Riesenrad, unzählige Essensstände säumen den Weg, auf dem Friedhof stehen schon die Blaskapellen bereit, die gegen ein kleines Entgelt eine typische Melodie aus der Heimatregion des Verstorbenen spielen. Es mischen sich schrille Trompetenklänge mit den sanften Tönen der andinen Harfe oder dem dumpfen Schlagen der Bongos. Es herrscht ein buntes Treiben auf dem Friedhof –mindestens 150.000 Menschen sind auf den Beinen, schieben sich in einem großen Strom in den Friedhof hinein, klettern zwischen den Gräbern herum oder sitzen auf den Gräbern ihrer Angehörigen, trinken, essen, unterhalten sich. Erzählen dem Toten, wer alles gekommen ist und wer heute leider aufgrund anderer Verpflichtungen verhindert ist – so als ob der Tote zwar hören, aber nicht sehen könnte....

Es wird gebetet, oder man läßt – ebenfalls gegen ein kleines Entgelt – beten und beauftragt dafür einen professionellen „Rezador“, einen Beter, der auch das eine oder andere lateinische Gebet zum Besten gibt, ein paar Lieder singt und dann zum nächsten Grab weiterzieht. Auf dem Friedhof riecht es nach gebratenem Hühnchen, nach Chicharron und Buñuelos, nach Staub und Bier und Zuckerwatte. Es ist eine wilde Mischung aus Volksfest und Trauermarsch, Rosenkranzgebet und Besäufnis, fröhlicher Ausgelassenheit und trauriger Melancholie. Hier und da hört man typische Klänge, traditionelle Lieder, gesungen von Leuten, die nicht gerade als begnadete Sänger bezeichnet werden können, die aber mit voller Inbrunst ihr Bestes geben. Man sieht immer wieder Menschen in andinen Trachten, die den Verstorbenen einen Scherentanz darbieten. Die Sonne scheint den ganzen Tag, was die grauen Hügel, auf denen sich der Friedhof erstreckt, in ein gnädiges Licht taucht.

Wir wandern zwischen den Gräbern umher und während für Daniel und mich der Friedhof und seine Menschen die Attraktion sind, werden wir zur Attraktion für die Menschen auf dem Friedhof. Eine Gringa – was tut die hier? Woher kommt sie? Was sucht sie hier? Immer wieder sprechen uns Leute an – ob wir einen Toten besuchen? Warum wir hier sind? Die Leute sind freundlich. Manche sind ganz offensichtlich schon leicht angetrunken, aber alle sind friedlich, ich habe keine Angst, wenngleich mich viele gewarnt hatten, nicht zu diesem Friedhof zu fahren, weil es gefährlich sei.

Eine Familie an einem Grab lädt uns ein, mit ihnen Bier zu trinken. Wir kommen ins Gespräch – die Mutter erzählt, dass der Verstorbene ihr Sohn ist, der vor zwei Jahren in einer Schlacht zwischen zwei Straßengangs ums Leben kam. Ermordert von ein paar Jugendlichen, in dem Stadtteil, der sich gleich an den Friedhof anschließt und ihn langsam völlig umschließt. Er war 21 Jahre alt. Die Mutter hat traurige Augen und doch erzählt sie all das, als ob es schon unendlich lange her wäre und mit dem Hier und Jetzt und Heute nicht viel zu tun hätte. Sie hat mit dem Mord an ihrem Sohn abgeschlossen, da ist kein Groll und keine Wut mehr, auch keine Resignation oder Depression. Einfach nur das Akzeptieren der harten Wahrheit. „Was will man da machen?“ ... fragt auch der Vater und zuckt bedauernd mit den Schultern. „Hier in Peru passieren seltsame Dinge. Früher war das nicht so. Früher musste man nicht um sein Leben fürchten. Aber seit ein paar Jahren passieren komische Sachen in Peru. Das Leben wird härter. Viel Gewalt. Viel Kriminalität. Viel Leid.“ Wir schauen betreten auf den Boden. Der Bruder gießt nochmal Bier in das Glas. „Salud“ – „Salud“. So ist das Leben eben. Was soll man da machen? Wir bedanken uns für die nette Einladung, machen zum Abschied ein Foto, auf dem alle fröhlich lachen, und ziehen weiter.

Als die Sonne untergeht, verwandelt sich der Friedhof in ein Meer aus Kerzen. Es sieht wunderschön aus. Friedlich ziehen die vielen Menschen in einem plaudernden, scherzenden, lachenden Strom Richtung Friedhofstor. Todos los Santos – Allerheiligen. Wie die Peruaner da auf den Gräbern ihrer Angehörigen sitzen, denke ich, dass dies ganz typisch für ihre Haltung zum Leben ist. Was will man machen – es ist wie es ist und man muss es leben, wie es ist. Man sitzt auf einem Grab, aber das Leben geht weiter. Besser, man denkt nicht zu viel über all das Traurige nach, trinkt noch einen Schluck Bier, erzählt einen Witz, lacht, freut sich so weit wie möglich des Lebens....

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