Wandern zwischen den Welten....

21.12.09

Zurück in vertrauten Gefilden !!!

Uff…nach 2 ½ intensiven, spannenden, anstrengenden, zum Teil beschwerlichen, zum Teil wirklich superschönen Wochen in Bolivien bin ich jetzt wieder in Lima gelandet. Lima…das fühlt sich immer noch und immer wieder nach „zu Hause“ an. Schon der Flughafen – so wohlbekannt, erst das Prozedere bei der Immigration, dann das Warten am Gepäckband, schließlich der rote/grüne Zufallsknopf – muss ich mein Gepäck dem Zoll vorführen oder komme ich so davon? Ich habe Glück, der Knopf gibt grünes Licht, ich gehe durch den Zoll, schnappe mir einen Taxifahrer und trete vor das Flughafengebäude. Hmmmm - da bin ich also, tauche ein in diese typisch limeñische Mischung aus feuchter Meeresluft und Autoabgasen… nach den Wochen in den sauerstoffarmen Höhen der Anden kommt mir diese Luft vor wie die schönste Brise auf der ganzen Welt! Das Taxi biegt ein auf die Avenida Faucett und in mir macht sich Festtagsstimmung breit. Um mich herum jede Menge hupende Taxis, knatternde und scheppernde Busse, aus allen Nähten platzende Combis. Juhuu! Ich bin zu Hause!!! Wir quetschen uns durch die Straßen, durch gewiefte Manöver versuchen wir immer wieder, einem anderen Taxi einen Zentimeter Vorsprung abzuringen…im Jahr 2009 gab es bereits mehr als 563 Unfalltote auf Lima’s Straßen, das konnte ich eben in der Zeitung auf dem Flug von La Paz nach Lima nachlesen. 0,19% der Fälle gehen auf technisches Versagen zurück – die restlichen 99,81 % sind dann wohl zurückzuführen auf den absoluten Wahnsinn der limeñischen Fahrer…wen wundert’s??? Ob Bus, Taxi, Combi oder Privatwagen – hier fahren alle wie die Bekloppten. Lieber das eigene Leben riskiert als einem anderen die Vorfahrt gewährt – das ist hier das Motto! Aber… so bescheuert das vielleicht klingen mag… heute tauche ich in dieses lärmige, stinkende Chaos ein und finde es einfach nur großartig!

Der Weg nach Miraflores ist mir vertraut wie meine Westentasche, der Taxifahrer ist gesprächig, erzählt mir die neuesten Schoten aus Alan García’s Regierungs(un)wesen, arbeitet ganz nebenbei den üblichen Fragenkatalog ab von wegen „woher kommst Du?“ „was machst Du hier?“ „und Dein Ehemann – Peruaner oder Deutscher?“ und ich könnte ihn knutschen dafür, dass er alles richtig macht, bis hin zu der Frage, ob ich Ceviche mag. Ja!!! Ich liebe Ceviche!!! Und morgen werde ich mir einen ganzen Fischschwarm einverleiben!!

Wir kommen bei Jutta’s Wohnung an und der Wächter begrüßt mich mit einem „da sind Sie ja, wir haben schon auf Sie gewartet!“ Na wunderbar – ich habe auch schon seit Tagen auf den Moment gewartet, wo ich mich endlich wieder auf vertrautem Boden bewege…!!

Ich parke mein Gepäck in Jutta’s Wohnung und gehe dann gleich zu WONG - ein bisschen Proviant einkaufen, damit ich morgen früh wenigstens Kaffee und Milch im Haus habe. Jutta ist ja in Wien und ihr Kühlschrank gähnend leer…. Am Ovalo Gutierrez ist alles wie immer – die Obstfrau packt nach einem langen Arbeitstag ihren Wagen zusammen und schickt sich an, nach Hause zu gehen. Der Wächter vor der „Interbank“ grüßt - ebenfalls freundlich wie immer - und gleich um die Ecke, kurz vor dem Eingang zum Supermarkt, sitzt die Frau mit dem Rollstuhl, die hier immer Bonbons verkauft. Ich sage ihr, dass ich ihr was gebe, wenn ich rauskomme… Es hat sich wirklich gar nichts verändert…denke ich….

Im WONG erwarten mich allerdings große Veränderungen!!! Der ganze Supermarkt gleicht einem blinkenden, glitzernden, leuchtenden Weihnachtsmarkt – Lichterketten, Nikoläuse, Schneemänner und alles, was man sich an Weihnachtsdeko nur vorstellen kann. Das Ganze trifft mich so unerwartet wie einen japanischenTouristen, der im Hochsommer in Rothenburg ob der Tauber in Käthe Wohlfahrt’s Weihnachtsdorf tritt… Im Hintergrund klimpert jemand auf dem Flügel – das fand ich schon immer skurril: ein Flügel im Supermarkt, steht da so rum, zwischen Fischtheke und Sahnetortenabteilung, ein junger Typ in weißem Hemd und schwarzer Hose gibt sein Können zum Besten, daneben plätschert ein Springbrunnen gleichgültig vor sich hin, über allem flutet gleißend helles Neonlicht und die Leute schieben ihre Einkaufswagen durch die Gänge… ich bahne mir meinen Weg durch die unglaubliche Menschenmenge, die am Samstag Abend um halb zehn offenbar nichts Besseres zu tun hat als im Supermarkt herumzuflanieren und den Kauf eines Stück Käses zum Ereignis des Jahres zu machen: „Ja, ich bin jetzt hier an der Käsetheke….nein, mi Amor, ich kann den Käse nicht finden. Letzte Woche war er noch hier. Ach Du meine Güte….was machen wir denn nun??? Pizzakäse??? Nein…lass mich mal schauen.. (sie lehnt sich von links über mich und grapscht nach einem Käse)….“nein…gibt es nicht….ach, hier…ja…ich glaube, ich hab was….“ Und so weiter und so fort. Ich mache, dass ich wegkomme. Kaufe ein paar Mangos (Mangozeit!!!), Avocados, Salzstangen, Wein, Salat vom Salatbuffet, Milch, Kaffee…. Und ab zur Kasse. „Tarjeta Wong?“ fragt die Verkäuferin, auch wie immer, und ich schüttle den Kopf. Hab keine Wong-Karte. Will keine Wong-Karte. Brauch auch keine Wong-Karte. Bin ja nur zu Besuch hier. Aber nett, dass sie trotzdem fragt…!! Gott ist das schön, hier zu sein. All das zu kennen. Es zu lieben, in all seiner wundersamen Absurdität. Und mich hier noch immer genauso zu Hause zu fühlen wie in Köln!!! Manche Menschen sind zweisprachig. Ich bin eben zweiwohnortig :-)

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20.06.08

Reise in’s Perú Profundo

Meine Reise führt mich diesmal über Cusco und Abancay nach Antabamba, eine Provinz in den Hochanden Perus. Unsere Partnerorganisation IIDA lädt mich ein, ihr Programm mit dem Titel „Umwelt und Bergbau“ kennenzulernen, das von Misereor unterstützt wird.

Nach Cusco bringt mich das Flugzeug – und auch wenn ich diese Strecke schon X Mal geflogen bin, ist es immer wieder ein einzigartiges Erlebnis: obgleich wir eine Flughöhe von 10.000 m haben, liegen ganz nah unter uns die mächtigen, faltigen Anden, wie Runzeln eines alten Elefanten, trocken, spröde, unglaublich mächtig und stark.

Wir fliegen in einem engen Bogen in den Talkessel hinein, in dem die alte Inka-Hauptstadt Cusco mit ihren schönen roten Ziegeldächern und den vielen klobigen Kirchtürmen liegt. Über dem „Nabel der Welt“ scheint die Andensonne – der Himmel ist blau und das graue, niesliege Wetter Limas ist schon längst vergessen!

Sorroche – höhenkrank…

Im Hotel in Cusco lege ich mich erst mal auf’s Bett. “Langsam, gaaanz langsam angehen lassen“, das ist hier oben die Devise! Ich weiß aus schmerzhafter Erfahrung, wie tückisch die Höhenkrankheit ist. Mal geht’s besser, mal geht’s schlechter… diesmal trifft’s mich richtig hart. Die 3400 Höhenmeter kriechen mir langsam und unaufhaltsam in den Körper. Nach ein paar Stunden drückt der Kopf, als ob er in einen Schraubstock gespannt wäre. Mein Hirn fühlt sich an wie Watte, mir ist flau im Magen und schwindlig im Kopf, ich fühle mich total betrunken, ohne einen Tropfen Alkohol angerührt zu haben. Das Atmen macht schon auf der dritten Treppenstufe Probleme – und ich muss noch weit hinauf, bis in den dritten Stock. Ächz!!! Das Herz stolpert vor sich hin wie ein verirrter Wanderer. Ich kippe Literweise Coca-Tee in mich hinein, doch auch das hilft nicht wirklich… Mitten in der Nacht werfe ich die erste Kopfschmerztablette ein, nach einer weitgehend schlaflosen Nacht folgt am nächsten Morgen die zweite… es dauert wohl noch ein, zwei Tage, dann bin ich akklimatisiert. Endlich!

Auf in die Provinz!!

Wir fahren von Cusco auf einer wunderschönen Strecke durch die andine Bergwelt. Am Straßenrand wälzen sich schwarze Schweine im Dreck, laufen Frauen mit ihren Wollspindeln zu einem mir unbekannten Ziel, spielen Kinder mit einem alten Lederball Fußball, hacken Männer mit bunten Wollmützen das duftende Eukalyptusholz. Hinter jeder der zahlreichen Kurven lauert ein neuer, atemberaubender Blick auf schneebedeckte Gipfel oder rauschende Wildbäche.

Nach 4 Stunden kommen wir in der Hauptstadt der Region an: Abancay ist ein lebendiges Städtchen, umgeben von mächtigen Bergen, darüber ein strahlend blauer Himmel mit weißen Wattewölkchen… Von hier aus geht’s weiter, immer tiefer hinein in die peruanische Provinz. Nach zwei weiteren Stunden Fahrt im allradbetriebenen Pick-up-Truck verlassen wir die geteerte Straße und holpern auf einer staubigen Piste in ein tiefes Flusstal hinein.
Immer tiefer und tiefer arbeiten wir uns voran und am Ende des Tals, nach fast drei Stunden ruckliger Fahrt, steigen wir schließlich die Hänge der Anden hinauf, Kurve für Kurve, bis wir auf fast viertausend Meter Höhe angekommen sind.

Inzwischen geht die Sonne unter und taucht das ganze Flusstal in ein goldenes Licht. Die Besiedlung in dieser Gegend ist dünn – kleine Dörfer, umgeben von alten, noch aus der Zeit der Inkas stammenden Anbauterrassen. Ein malerisches Bild – doch die Menschen hier leben in Armut. Ihre Häuser sind einfach, die Einnahmen aus der Landwirtschaft reichen gerade für's Nötigste. Die Temperaturen fallen jetzt, im Winter, schon mal auf minus 5 bis minus 10 Grad. Wie die Kinder mit ihren bloßen Füßen diese Kälte überleben, ist mir immer noch ein Rätsel.

Antabamba – Provinzhauptstadt

Antabamba heißt die Hauptstadt der Provinz. Motorisierte Fahrzeuge sind hier noch eine Seltenheit. Dafür gibt es haufenweise Pferde und Esel. Mitten im Dorf, pardon: in der Stadt, die Plaza de Armas, der große Platz, auf dem sich das soziale Leben abspielt. Über ihm prangt stolz und mächtig eine alte, koloniale Kirche – sie bietet Platz für mindestens fünfmal so viele Einwohner wie Antabamba heute hat. Wir quartieren uns in einem „Hostal“ ein – groß ist die Auswahl an Unterkünften hier nicht. Die Kollegen von unserer Partnerorganisation – Julio, Carlos und Denver – überlassen mir großzügig das einzige Zimmer mit „baño privado“, mit meinem eigenen „Bad“. Dieses besteht aus einem schmuddeligen Waschbecken und einer nicht weniger schmuddeligen Toilette, alles diskret hinter einem alten, vergilbten Duschvorhang versteckt. Die Abflüsse dünsten einen modrigen Geruch aus. Aus dem Wasserhahn kommt eiskaltes Wasser. Das Duschen werde ich so weit wie möglich vermeiden, während dieses Aufenthalts! Die Matratze ist durchgelegen und ich bin froh, dass ich inzwischen schon über mehrjährige Provinzerfahrung verfüge: ohne meinen eigenen Schlafsack gehe ich nicht mehr auf Reisen, auch wenn der in Lima zwischenzeitlich Schimmel angesetzt hat. Immer noch besser, als die Last der schweren und staubigen Pferdedecken zu ertragen, die auf dem Bett aufgetürmt sind… auch meine Wärmflasche, mein Schal und meine kleine Taschenlampe leisten mir mal wieder wertvolle Dienste…

Perú Profundo

Das Schönste im „tiefsten Peru“ ist der blaue Himmel, dicht gefolgt von den majestätischen Bergen, die wie die Pranken eines Riesen in der Landschaft liegen, unbeweglich, faltig, runzlig, staubig, trocken und unendlich stark. Man kann sich gut vorstellen, welche Mächte gewirkt haben, als diese gewaltige Bergkette aufgetürmt wurde, wie sich langsam Falte um Falte nach oben geschoben hat. Kleine Menschlein mit abwegigen Ideen und einem unverrückbaren Starrsinn haben sich irgendwann auf diesen Pranken angesiedelt, haben Anbauterrassen in die Berge gescharrt und ringen dem kargen Boden auf Höhen von dreitausend bis viertausend Metern noch heute Mais, Kartoffeln, Quinoa und Kiwicha ab. Am Abend steigt der Mond am Horizont auf, und nach Sonnenuntergang sind die funkelnden und leuchtenden Sterne des „Kreuz des Südens“ zum Greifen nah.

Morgendliches Landleben

Um fünf Uhr morgens erwacht das Dorf mit Geschepper und Geklapper zu neuem Leben. Es herrscht ein eifriges Treiben im Hof. Aus dem Radio dröhnt laute Musik, volkstümlich, ein bißchen schrill, eine nicht wegzudenkende Konstante im andinen Dorfalltag. Der Hahn kräht sich die Seele aus dem Leib, Wasserhähne rauschen im Hof, das Feuer, auf dem die Señora die erste Mahlzeit des Tages kocht, riecht nach Eukalyptus und wärmendem Holz. Es ist knackig kalt im Zimmer, ich stehe auf, wasche mich mit eiskaltem Wasser, ziehe mir die altbewährte Andenzwiebel an – Unterhemd, T-Shirt kurzärmlig, T-Shirt langärmlig, Pullover, Fleecejacke, Anorak, Schal, Mütze. Mit jeder halben Stunde, in der die Sonne höher steigt, werde ich mich sukzessive wieder diverser Schichten entledigen.

Desayuno andino – das Andenfrühstück

Zum Frühstück gibt es Caldo de Gallina - eine deftige Hünhersuppe. Ein großer, dampfender Pott steht vor mir, reichlich Nudeln, Kartoffeln, ein Hühnerbein, ein Ei samt Schale… „Das reicht für eine ganze Familie“, denke ich, und tauche beherzt den Löffel in das köstliche Heiß. Während ich mich nach der Hälfte geschlagen gebe, bestellen meine Kollegen noch einen Nachschlag. Ich weiß nicht, ob Peruaner einen zweiten Magen haben? Einen doppelten Boden vielleicht? Oder wo essen die das alles hin????

Projektbesuche

Julio, Carlos und Denver haben ein Besuchsprogramm für mich vorbereitet. Heute besuchen wir zwei Dorfgemeinschaften, die ersten, Huaquirca, liegt auf einem der gegenüberliegenden Berghänge. Wir fahren also erst mal auf einer waghalsigen Piste die 1500 Meter hinab bis zu dem reißenden Fluss, der der Provinz ihren Namen gibt, und von dort aus dann wieder gut 1300 Höhenmeter hinauf, bis wir in Huaquirca angekommen sind. Auf dem Weg begegnen uns Kühe, Schafe, Pferde und Ziegen. Vereinzelt tragen Frauen ihr Bündel Brennholz auf dem Rücken und wandern in hurtigem Schritt in ihren Sandalen aus Autoreifen die steilen Berge hinauf. Wenn wir sie auf der Ladefläche unseres Pickups mitnehmen, schenken sie uns ein breites, oft zahnloses Lächeln.

Wir wollen mit dem Bürgermeister, dem Führer der bäuerlichen Dorfgemeinschaft und den anderen Dorfautoritäten sprechen. Unsere Partnerorganisation hat in den letzten drei Jahren Ausbildungskurse mit den lokalen Führungspersonen durchgeführt, zu Themen wie „Bergbau und Umwelt“, „Stärkung der Verhandlungskapazität der Dorfgemeinschaften im Umgang mit Bergbauunternehmen“, „Rechte der Dorfgemeinschaften“, „Nachhaltige Ländliche Entwicklung“ und so weiter. Ich will mit den Leuten vor Ort sprechen um rauszufinden, wie diese Kurse ankamen, ob sie den Leuten was gebracht haben, und wie sie die aktuelle Situation in der Provinz sehen. Fast 80% der Provinz Antabamba sind für den Bergbau konzessioniert, über 25 nationale und internationale Unternehmen wollen hier in Zukunft Gold, Silber und Kupfer abbauen. Für die überwiegend von der Landwirtschaft lebende Bevölkerung ist das ein neues Thema. Es birgt Chancen, aber auch viele Risiken. Unsere Partnerorganisation hat sich zum Ziel gesetzt, den Menschen bei ihrer Entscheidungsfindung im Umgang mit diesem neuen Thema zu helfen und sie mit Fachwissen, technischer und juristischer Beratung zu begleiten. Es ist ein heißes Eisen, denn wo Bergbau in großem Stil stattfindet, geht dies immer einher mit der Korruption der lokalen Behörden. Bürgermeister und Präsidenten der Dorfgemeinschaften werden bestochen, um den Dorfgemeinschaften die kommunalen Ländereien abzuringen. Die Dorfgemeinschaft spaltet sich alsbald in Minengegner und Minenbefürworter. Es beginnt ein regelrechter Kleinkrieg im Dorf. Mit dem sozialen Frieden ist es meist schnell vorbei. Deshalb führt unsere Partnerorganisation auch Kurse in Konfliktmanagement durch und versucht die Basisorganisationen in ihrem Zusammenhang zu stärken. Kein leichtes Unternehmen. Wer – wie ich - auf dem Dorf aufgewachsen ist, weiß, welche Dynamiken in so einem Dörfchen stecken können….

Wir kommen um kurz vor acht im Dorf an und suchen den Bürgermeister auf. Der ruft über den Lautsprecher der Municipalidad eine Versammlung aus. Langsam tröpfeln die Gemeinderäte, die Bauernführer, Stadtverwalter und landwirtschaftlichen BeraterInnen ein und nehmen in dem von der Morgenkälte noch eisigen Büro des Bürgermeisters Platz. Neben dem Schreibtisch und ein paar Stühlen ziert die peruanische Flagge den Raum und verleiht ihm seinen offiziellen Anstrich. Der Bürgermeister eröffnet umständlich die Sitzung: Muy buenos días, Señor Presidente de la Comunidad Campesina, Señor Regidor, Señor Gobernador; Señora promotora ambiental, Señora Susana de la institución Misereor de Alemania, compañeros de IIDA....Es ist ein langer Sermon, der von jedem weiteren Anwesenden zu Beginn einer Wortmeldung wiederholt werden wird, was der Sitzung einen sehr zeremoniellen und ein bißchen langatmigen Charakter verleiht… die wirklichen Inhalte gehen in dem rituellen Beiwerk leicht unter. Schön ist es trotzdem. Willkommen im Perú Profundo!

Und nochmal Caldo de Gallina

Nach der Versammlung lädt der Bürgermeister zum Frühstück im Dorflokal gleich an der Plaza der Armas und neben der trutzigen Dorfkirche ein. Es ist ein nüchterner Raum, einfach Holzplanken auf dem Boden, an den kalten Wänden ein paar bunte Werbeposter. Ein großer Holztisch mit einer speckigen Wachstischdecke in der Mitte des Raums, Plastikstühle und eine Holdbank drum herum. Es riecht ein bißchen modrig und zieht ungemütlich durch alle Ritzen.

Eine beleibte Señora mit ihren zahlreichen bunten Röcken und einem braunen, runden Hut auf dem Kopf rührt im Nachbarraum in einem großen Blechtopf, der über dem Holzfeuer hängt und serviert schließlich das Mahl.

Es gibt – wie sollte es auch anders sein – Caldo de Gallina!!! Ich schlucke und fluche heimlich in mich hinein, dass ich das doch eigentlich hätte ahnen können! Ist ja nicht mein erster Besuch auf dem Land!!! Hätte ich am frühen Morgen im Kreis des Projektteams noch höflich und ohne großen Gesichtsverlust ablehnen können, so ist mir dieser Ausweg in dieser Situation versagt. Vor mir dampft also erneut eine große Schüssel mit einer ordentlichen Portion Suppe, Nudeln, Kartoffeln, Hühnerbein und Ei – das komplette Programm, zum zweiten Mal an diesem Vormittag!! Der Bürgermeister sitzt am Tischende und schlürft lautstark seine Suppe, Löffel klappern, das Radio dröhnt, dazwischen wird über lokale Politik und die Viehdiebe debattiert, die vor ein paar Tagen ein Dutzend Kühe gestohlen haben.

Freiheit, Sattheit, Zufriedenheit…

Um die Mittagszeit fahren wir zurück – hinab bis zum Fluss, hinauf nach Antabamba. In den nächsten Tagen stehen noch diverse ähnlicher Sitzungen auf dem Programm. Wir fahren X mal hinunter ins Tal und an einem der vielen Berghänge wieder hinauf in ein Dorf. Ich werde nicht müde, die phantastische Landschaft zu bewundern. Ich sitze noch mehrmals vor randvollen Schüsseln mit dampfender Hühnersuppe, Kartoffeln, Nudeln und Ei. Jeden Tag fühle ich mich ein bißchen schmuddeliger. Jeden Tag ein bißchen befreiter - so weit weg von jeglicher Zivilisation, so schön reduziert auf ein paar Tätigkeiten pro Tag. Multi-Tasking Ade! Hier ist das wirkliche Leben.

Forum „Bergbau und Umwelt“

Zum Abschluss dieses Projektbesuchs gibt es eine große Veranstaltung, an der die Autoritäten und Bauern der acht Distrikte der Provinz Antabamba teilnehmen. Einen ganzen Tag lang debattieren mehr die mehr als 120 Teilnehmenden des Forums über Chancen und Risiken des Bergbaus für die Provinz: Wie viele Einnahmen würde der Bergbau generieren? Was könnte man mit dem Geld alles machen? Wie könnte man das Geld am sinnvollsten ausgeben? Wo kann man Bergbau betreiben, ohne die kostbaren Wasserquellgebiete zu zerstören? Wo sind negative Umweltauswirkungen zu erwarten? Was bedeutet der Einfall der großen Unternehmen für den sozialen Zusammenhalt in den Dörfern? Würden die Bauern in den Minen Arbeit finden? Oder würde man womöglich nur ausgebeutet und seiner Lebensgrundlage, der Landwirtschaft, beraubt? Es sind Vertreter sämtlicher Positionen da und die Plädoyers für oder gegen den Bergbau werden in einem lustigen Gemisch aus Spanisch und Quechua vorgetragen. Alle kommen mit praktischen Beispielen, mit ersten konkreten Erfahrungen, mit Sachverstand oder mit bunten Phantasiegeschichten. Es ist ein lebhafter Erfahrungsaustausch, zum Teil wütend, zum Teil euphorisch vorgetragen. Viele Ideen werden angeregt. Viele Fragen aufgeworfen. Man beschließt, das Wichtigste sei es, sich gut auf alle diese Fragen vorzubereiten, sich gut zu organisieren. Und gründet sogleich eine „Verteidigungsfront für die Umwelt und einen Nachhaltigen Bergbau in Antabamba“.

Der Ehrengast im Dorfe…

Zur Feier dieses wichtigen Ereignisses hat die Frau des Bürgermeisters Chicharrón de Alpaca zubereitet, das sind frittierte Alpaca-Stücke. Dazu gibt es für jeden 5 Kartoffeln und einen Salat aus Zwiebeln und Tomaten. Alle sitzen in einer Runde und essen mit den Fingern das leckere Mahl. Ich schiebe Julio heimlich 3 Kartoffeln unter, bevor sie mir wieder zu den Ohren rauskommen. Als Ehrengast des Dorfes bekomme ich einen selbstgewebten Poncho geschenkt, den ich mit Stolz und Dankbarkeit entgegennehme. „Que hable, que hable“ („eine Rede!! Eine Rede!!!“) fordert die versammelte Menge und klatscht zum Ansporn in die Hände! Auch das ist zum Glück keine völlig ungewohnte Situation mehr. Ich weiß, dass das Wort von Außenstehenden großes Gewicht hat und versuche mit meinen Worten zu motivieren und zur gemeinsamen Lösungsfindung zu raten. Ich gratuliere zu der gelungenen Veranstaltung (finanziert von Misereor…), zu dem wichtigen Austausch von Informationen und Erfahrungen, und zur Gründung der neuen Organisation, die den weiteren Prozess begleiten wird. Ich verspreche, dass Misereor auch in den nächsten 3 Jahren über unsere Partnerorganisation Unterstützung anbieten wird und ernte dafür begeisterten Applaus.

Wenn schon mal ein Hilfswerk da ist…

Nach meinem Vortrag werde ich von diversen Dorfautoritäten diskret zur Seite gebeten, und kurz vor meiner Abreise werden noch diverse Finanzierungsanfragen für die Renovierung der Dorfkirche, für die Finanzierung des nicht vorhandenen Wasser- und Abwassersystems und für ein Projekt zur verbesserten Herstellung von Alpaca-Wolle an mich unterbreitet. Ich kann mich mit den in bereits zahlreichen ähnlichen Situationen erprobten Phrasen einigermaßen aus der Affäre ziehen, ohne jemandem vor den Kopf zu stoßen...

Zurück in die „Zivilisation“

Als wir nach 4 Tagen über die holprige Piste zurück nach Abancay fahren, bin ich voller bunter Bilder, faszinierender Eindrücke, spannender Erfahrungen und habe wieder viel, viel dazugelernt!!! Was hab‘ ich für ein Glück, dass das, was andere nicht mal im Urlaub erleben, bei mir auch noch unter dem Titel „Arbeit“ läuft!!!

Die lebendige, quirrlige Stadt Abancay kommt mir vor wie die Mega City New York, mit ihren vielen hupenden Autos, den blinkenden Leuchtreklamen, den bunten Restaurants und den auf den Straßen rumwuselnden Menschen… Im ersten Moment erschlägt mich das alles, und ich denke wehmütig zurück an das stille, provinzielle Antabamba mit seinem langsamen Rhythmus, wo ich mit den Alpacas schlafen gegangen bin und mit den ersten schrillen Radiotönen und dem Aufgang der Sonne aus dem Schlafsack gekrochen bin. Über die heiße Dusche freue ich mich trotzdem. Und auch ein frischer Salat statt heißer Hühnersuppe ist mir heute mal willkommen…

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19.06.08

Auf dem Weg in die Schule...

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06.06.08

Lima, la bombardeada…

„Wir Taxifahrer nennen Lima jetzt „die Bombardierte“, weil wir von einem Loch zum nächsten fahren“. Mein Taxifahrer Bernardino bringt’s mal wieder ohne große Umschweife auf den Punkt! Denn in der Tat schaut die Stadt seit Wochen aus wie nach einem Bombenangriff: Sämtliche Straßen sind aufgerissen, überall stößt man auf Schranken, man fährt von Umleitung zu Umleitung, und es kann passieren, dass man nach endlosem Herumkreisen irgendwann müde und frustriert wieder dort landet, wo man dem ersten Umleitungsschild gefolgt war.

Die Nerven von Hunderten und Tausenden von Limeños liegen blank – zum einen, weil die ohnehin schon nervenaufreibende Transportfrage in Lima nun um noch eine Herausforderung angereichert ist, zum anderen, weil in viele kleine Nebenstraßen (wie z.B. auch vor unserer Haustür in der Prolongación Arenales) der Verkehr der großen Avenidas umgeleitet wird. Das ist, als würde mal eben die A3 Köln – Frankfurt an Deiner Haustür vorbeigeleitet!

So wälzt sich nun an meiner Wohnung von morgens 5 Uhr bis spät in die Nacht eine nicht enden wollende Blechlawine vorbei – Busse, Kleinbusse, Taxis, Privatfahrzeuge… der ganze Verkehr der Avenida Arequipa, eine der Hauptadern Limas, verpestet die Luft und hupt, dröhnt und scheppert direkt vor unseren Fenstern. an unserem Haus vorbei. Und das nun schon seit 6 Wochen!!!

Anlass für die Grundsanierung sämtlicher Straßen ist der für November anberaumte APEC-Gipfel, zu dem Staats- und Regierungschefs aus den Pazifik-Anreiner-Ländern nach Lima kommen, um die wirtschaftlichen Kooperationen auszubauen. Da will man doch nicht mit Schlaglöchern und holprigen Pisten aufwarten!!! Dass mitten in all diese Straßenbaumaßnahmen auch der EU-Lateinamerika-Gipfel Mitte Mai fiel, störte die peruanische Regierung dagegen offenbar gar nicht. Die Europäer winkten ja auch nicht mit fetten Wirtschaftsabkommen, sondern wollten mit den Latinos so unangenehme Themen wie Armutsbekämpfung, soziale Gerechtigkeit und Klimawandel diskutieren. Vielleicht hatte die peruanische Regierung mit ihrer „Bombardierungsstrategie“ ja insgeheim gehofft, den einen oder anderen Staatschef schon auf dem Weg vom Flughafen in’s Zentrum von Lima abschütteln zu können….

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22.02.08

Ismary

Mit einem verzagten Lächeln öffnet Ismary die Tür zu ihrem Haus in Cajamarca. „Percy ist nicht zu Hause“, sagt sie gleich, in entschuldigendem Tonfall. Im Wohnzimmer krabbelt das jüngste der drei Kinder auf dem Boden, plappert fröhlich vor sich hin, füllt den Raum mit Leben. Trotzdem liegt eine Schwere in der Luft, eine Traurigkeit, die sich wie ein unsichtbarer Schleier über alles legt.

Ich klappe meinen Laptop auf und zeige Ismary die drei Portraits der ARTE-Reportage, die wir im Januar mit ihrem Mann Percy und zwei anderen Protagonisten in Cajamarca gedreht haben. Sie schaut sich die drei Portraits ruhig an. „Eine gute Arbeit“, sagt sie dann… „Sehr gut…. „Was wird daraus entstehen?“ Ja… eine gute Frage…! Was wird daraus entstehen? Werden Menschen in der ganzen Welt empört aufstehen und aufschreien, dass solches Unrecht nicht ungestraft bleiben darf? Werden Aktivisten Briefe schreiben? Sich beschweren? Einen Boykott ausrufen? Werden irgendwo Menschen dafür eintreten, dass sich das Selbe nicht Tausende von Malen an verschiedenen Plätzen der großen weiten Welt wiederholt? …

Es tut mir leid, Ismary gestehen zu müssen, dass als direkte Reaktion auf die Reportage gar nichts passieren wird. Die zwei Millionen Zuschauer, die das Programm vorigen Samstag in Deutschland und Frankreich gesehen haben, haben es vermutlich schon längst wieder vergessen. Ich versuche zu erklären, dass dieser Fernsehbeitrag aber Teil einer größeren Kampagne ist, einer größeren Bewegung, die für Menschenrechte und Arbeiterrechte eintritt. Meine Erklärungen wirken hilflos. Ismary nickt. Langsam. Ismary versteht. Versteht, dass das alles notwendig ist, wichtig und gut. Versteht aber auch, dass ihre konkrete Situation sich dadurch nicht verändern wird. Ihren Kampf um Gerechtigkeit, ihren Kampf um’s Überleben müssen Ismary und Percy schon alleine ausfechten.
Ihr Mann Percy ist gerade beim Anwalt der Gewerkschaft, um seine Strafanzeige gegen das Bergbauunternehmen Yanacocha weiter voranzutreiben. Er präsentiert seine ärztlichen Unterlagen, der Fall wird ausgearbeitet, wann der Prozess beginnt, ist noch nicht klar. Ob Percy eine realistische Chance hat, das mächtige Unternehmen auf Schadensersatz für seine ruinierte Gesundheit zu verklagen, ist fraglich. Ob er jemals eine Entschädigung für die hohen Quecksilberwerte in seinem Blut erhalten wird…?

Auf meine Frage, ob Percy noch in ärztlicher Behandlung ist, ob er Medikamente nimmt, schüttelt Ismary den Kopf und die Tränen schießen ihr in die Augen. „Die Ärzte hier sind alle vom Unternehmen korrumpiert. Wir müssten nach Lima oder nach Piura reisen, um wirklich eine glaubhafte Diagnose zu erhalten. Dafür haben wir nicht das Geld. Percy’s Medizin ist inzwischen aufgebraucht – für neue Medikamente ist kein Geld da. Dafür hat er neue Symptome. Weiße Flecken auf der Haut, eine Art Pigmentstörung. Ob das vom Quecksilber kommt? Oder vom psychischen Stress? Ohne Arzt wird die Frage kaum zu beantworten sein.

Vor einer Woche hat das neue Schuljahr begonnen, es müssen Schuluniformen für die beiden größeren Kinder angeschafft werden, Hefte, Bücher, Schultaschen. „Dass Bildung in Peru umsonst sein soll, ist ein Witz! Ich habe alleine diese Woche mehr als 500 Soles (150 USD) für Schulunterlagen ausgegeben!“

„In letzter Zeit ist Percy ständig gereizt“ erzählt Ismary. Er geht nachmittags aus dem Haus und kommt erst am Abend nach Hause. „Ich weiß nicht, wohin er geht, was er tut. Er sucht nach Arbeit, sagt er. Er fährt die Kinder an, ist ungeduldig, gestresst, gereizt. Die monatelange Belastung durch seine Krankheit, die Arbeitslosigkeit, die immer drängendere Frage „wovon werden wir in ein paar Wochen leben?“, das alles schafft eine immer erdrückendere Atmosphäre im Haus. „Ich versuche, ihn zu verstehen. Versuche, seine Gereiztheit zu ignorieren. Aber er zieht sich immer mehr in sich zurück, und ich komme gar nicht mehr an ihn ran. Jetzt haben wir nicht nur die Krankheit, die Arbeitslosigkeit, die finanziellen Probleme – jetzt haben wir auch noch Eheprobleme. Es ist wie in einem bösen Traum, in dem sich ein Unheil an’s nächste reiht. Doch wenn Du am Morgen aufwachst, geht der Alptraum weiter. Ich hoffe, dass Gott sich bald an uns erinnert. Wir haben nie etwas Böses getan..."

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21.10.07

Hausarrest...

Am Tag des Censo 2007, der Volkszählung, liegt eine einzigartige, nie dagewesene Stille über den Straßen von Miraflores: kein Auto weit und breit, keine Taxis, keine Busse, keine Combis. Auch keine Radfahrer, Skateboarder oder Frauen mit Kinderwägen. Keine Eisverkäufer mit ihren trötenden Hupen, auch die Tamales-Frau, die sonst Sonntag vormittags immer ihre Runden dreht und mit lauten "Tamaaaaaaaales" -Rufen ihre Maisfladen anbietet, fehlt heute. Auf den Straßen und Plätzen herrscht gähnende Leere. Der Zeitungsstand um die Ecke hat geschlossen, und auch der Tante-Emma-Laden der Chinita, der sonst kein Ruhen kennt, bleibt heute zu. Supermärkte, Shopping-Malls, Kinos, Kneipen, Restaurants... alles zu! Das gibt's in Peru nicht mal an Weihnachten!!!

Die Stille wäre absolut....wäre da nicht meine Nervensäge von Nachbar, der diesen von oberster Stelle verordneten häuslichen Tag nutzt, um auf dem Balkon seine Wohnungstüren abzuschleifen.....gggrrrr.... ob ich rübergehe und ihn (...ganz spießig-deutsch...) anpflaume? Andererseits.... habe ich den Tag ja auch zum Heimwerkertag erkoren, wenngleich ich meine Arbeiten lautloser umsetzen kann. Also lasse ich ihn gewähren. So ganz ohne Zeichen von Leben wäre es ja auch ein bißchen unheimlich...

Ab und zu sehe ich die Volkszähler in ihren blauen Hosen und weisen T-Shirts von einem Haus zum nächsten gehen, und da klingelt es auch schon an meiner Tür und ein schüchterner junger Mann kommt mit seinem Fragebogen in meine Wohnung. Ich muss meinen Namen angeben und es folgt eine Reihe von Fragen zu meinem Familienstatus, zu meinem Bildungsniveau, zur Ausstattung meiner Wohnung, zu meinem Aufenthaltsstatus usw...

Nach 10 Minuten sind wir mit den Fragen durch und an meine Wohnungstür wird der Sticker "Vivienda censada" (registrierter Haushalt) geklebt. Raus darf ich trotzdem noch nicht... noch 6 Stunden Hausarrest, den ich mir mit telefonieren, kochen, Zeitung lesen, Mails schreiben genüsslich gestalte....

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19.10.07

Es begab sich aber zu der Zeit....

...dass ein Gebot von dem Präsidenten Garcia ausging, auf dass alle Welt geschätzet würde. Und diese Schätzung war zwar nicht die erste, aber eine sehr ernsthafte ihrer Art und geschah zu der Zeit, da sich die Nebel in Lima lichteten und in den Anden die ersten Regentropfen fielen. Und jedermann blieb zu Hause, auf dass er sich schätzen ließe, ein jeglicher in seiner Stadt...

...so beginnt die Geschichte des „Censo 2007“, der peruanischen Volkszählung. Sie knüpft damit an eine jahrtausendealte Tradition an und auch die Methoden, die hier in Peru zum Einsatz kommen, sind althergebracht, wenngleich nicht immer altbewährt: freiwillige Volkszähler werden am kommenden Sonntag mit Fragebogen und Stift bewaffnet von Haus zu Haus, von Wohnung und Wohnung gehen, und deren Bewohner zählen.

Die letzte Volkszählung liegt zwar erst zwei Jahre zurück, galt aber als gescheitert, weil die lieben peruanischen Bürgerinnen und Bürger offenbar wie die Hühner durcheinandergelaufen waren und die Zähler nachher nicht mehr durchblickten, wen sie nun schon gezählt hatten und wen nicht.

Diesmal soll das anders werden! Diesmal machen wir’s richtig, sagte sich Präsident Alan García und verhängte für den Zähl-Sonntag ein striktes Ausgangsverbot zwischen 8 Uhr und 18 Uhr. Das ist zwar verfassungswidrig, aber was soll's - mit der Verfassung nimmt es García auch in anderen Fällen nicht so genau... Man hat gefälligst zu Hause auf dem Sofa zu sitzen und zu warten, bis die Volkszähler die anwesenden Familienmitglieder, Hausmädchen, Hunde und Katzen gezählt haben. Und auch danach soll es erst mal kein Durcheinander auf den Straßen geben, um die Ergebnisse nicht zu verfälschen. Sonst schleicht sich da noch ein Gezählter in einen ungezählten Haushalt ein, und dann haben wir das gleiche Chaos wie beim letzten Mal.

Neben der schlichten Zählung der Personen werden auch Fragen zum Familieneinkommen, Bildungsniveau, Stromversorgung, Wasser- und Abwasseranschluss, Anzahl der Toiletten, Stereoanlagen, Microwellengeräte und DVD-Player in der Wohnung, Berufstätigkeit der Bewohner, Versicherungsangelegenheiten, Gesundheits- oder auch Krankheitsindikatoren abgefragt.

Auch Touristen, Zugezogene (wie ich...), Leute auf der Durchreise und Ausgewanderte werden gezählt. Alle, die sich am Sonntag im Lande aufhalten, müssen zu Hause respektive im Hotel bleiben, und wer doch einen triftigen Grund hat, zur Arbeit oder auf Reisen gehen zu müssen (Ärzte, Hotelpersonal, Sicherheitskräfte etc.), konnte sich vorab registrieren lassen und seine Angaben machen.Für die Statistik des Landes ist der kommende Sonntag ein bedeutender Tag, für Datenschützer ist es das reinste Horrorszenario, da die eingeholten Daten in keinster Weise geschützt werden. So sollen explizit Wirtschaftsunternehmen von den eingeholten Informationen profitieren können, und warum dann nicht auch gleich den Geheimdienst mitbedienen... ??? Uns Ausländern wurde folglich auch geraten, nur die Basisfragen zu beantworten, aber keine einkommensrelevanten Informationen preiszugeben.

Die Peruaner machen aus der Not der quasi Ausgangssperre eine Tugend und erklären den Tag zum Familienfest. Man sieht deshalb gerade außergewöhnliche Verproviantierungsaktionen für den kommenden Sonntag, neben Reis und Hühnchen werden schnell auch noch die neuesten Kinofilme als Raubkopien erstanden, um den Tag heil zu überstehen. Selbst pubertierende Jugendliche werden den Sonntag mit Eltern und Großeltern gemeinsam verbringen müssen. In gewisser Weise hat die Veranstaltung also etwas von Weihnachten – der Tag im Jahr, an dem alle im trauten Familienkreise zusammensitzen und keine alternativen Pläne verfolgen.... es wäre ja spannend, am Tag nach dem Censo nochmal eine Umfrage zu machen, wie die Leute den Tag überstanden haben und welche langfristigen Folgen das nach sich ziehen wird :-)))

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14.10.07

Lote Milch

Die kleine Chinesin, die gleich um die Ecke ihren bis an die Decke mit Dosen, Flaschen und Verpackungen vollgestopften Lebensmittelladen betreibt, bringt mich immer wieder zum Schmunzeln. Es ist eigentlich immer das gleiche, was ich dort kaufe – Papayas, Avocados, Tee, Butter, Marmelade und Limonen, Orangen und Milch. Und zwar nicht irgendeine Milch, sondern „Leche Gloria“, in einem roten Kunststoffbeutel. Und immer, wenn ich also bei der Chinita einkaufe und meine Bestellung aufgebe, fragt sie sicherheitshalber nochmal nach: „Leche Glolia – die im loten Beutel?“ und ich grinse und sage: „Ja, genau die!“

Sie sagt auch Olangen („nalanjas“) und Malmelade („melmelada“), Malgaline („malgalina“) und Schwalzel Tee (té pulo).

Ich finde das unglaublich sympathisch, dieses Cliché von einem chinesischen Akzent !!!

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12.09.07

5 Wochen nach dem Erdbeben in Peru

Carlos Levano ist Lehrer an einer Schule in Ate Vitarte, einem Stadtteil im Armengürtel von Lima. Seine Familie lebt in Chincha, eine der Städte, die am schlimmsten von dem Beben betroffen war. Am 15.08.2007 stürzte ihr Haus und damit all ihr Hab und Gut innerhalb weniger Minuten zusammen. Zurück bleibt ein Haufen Schutt und die Frage: Wie geht es weiter?"Zum Glück ist keiner meiner Familienangehörigen um’s Leben gekommen“, berichtet Carlos. Alle konnten sich rechtzeitig auf die Straße retten und nur noch von draußen zusehen, wie die Welt um sie herum buchstäblich zusammenbrach. Das kleine, aus Lehmziegeln gebaute Haus der Familie, ist ein Trümmerhaufen. Seit 5 Wochen campiert die Familie in einem Zelt vor dem GrundstückDie über 80jährige Mutter sowie die beiden Brüder von Carlos, der eine behindert, der andere arbeitslos, hängen finanziell von dem mageren Gehalt von Carlos ab.

Ein paar Tage dem Erdbeben rief mich Nilton an, ein Freund und der Bruder von Carlos. Er erzählte mir, dass seine Familie schwer von dem Beben betroffen sei. Er bat mich um Hilfe. Statt Nahrungsmittel und Kleider zu sammeln, spendete ich Geld, mit dem die Familie sich Wasserbehälter, Lebensmittel, Decken und Medikamente kaufte.

Die erste Hilfe des Staates traf erst 3 Tage nach dem Beben ein. Auf den zentralen Plätzen der Stadt wurden nach Aussage von Carlos Lebensmittel, Wasser und Kleidung verteilt. „Es hat von Anfang an an Organisation gefehlt. Da stellten sich zum Teil 12 Mitglieder der gleichen Familie in der Schlange an und alle bekamen etwas von den Hilfslieferungen ausgehändigt, ohne Strategie, ohne Plan. So haben einige Familien stark von den Lieferungen profitiert, während andere nichts von der Verteilung wussten oder ihr Hab und Gut nicht zurücklassen wollten, weil es ja auch viele Plünderungen gab. Die saßen dann da, und hatten gar nichts.“

Auf die Frage, wie es denn jetzt, 5 Wochen nach dem Erdbeben, vor Ort aussehe, antwortet Carlos: „Seit einer Woche sind wir wieder alleine. Die Zentralregierung und die Regionalregierung streiten sich darum, wer die Koordination des Wiederaufbaus übernimmt, und wir sitzen derweil wieder ohne Hilfe da.“ Nach den ersten Hilfslieferungen hatte die Regierung Bagger und LKWs geschickt, um mit den Aufräumarbeiten zu beginnen. Hilfstrupps halfen beim Abtransport des Schutts. Inzwischen steht die Aktion still. „Es ist nach wie vor das gleiche Problem. Es fehlt an Koordination, an einem strategischen Plan,“ sagt Carlos. „Alle wollen zuständig sein, und sich zum großen Protagonisten aufspielen, und die Leidtragenden sind wir.“

Auch die staatliche Bürokratie macht Probleme: „Wir müssen uns stunden- und tagelang anstellen, um offiziell als Erdbebengeschädigte im Register eingetragen zu werden. Das ist ein aufwändiges Verfahren. Uns kostet es Zeit und Nerven, die wir an anderer Stelle dringend benötigen.“ Die Regierung begünstigt beim Wiederaufbau in erster Linie die Eigentümer der Häuser. Carlos und seine Familie, die in dem Haus in Miete wohnten, wissen nun nicht, was das für sie bedeutet. Werden sie wieder in das neu gebaute Haus einziehen können? Haben sie darauf einen Rechtsanspruch. All diese Fragen sind ungeklärt. Überhaupt funktioniert der Informationsfluss nicht: „Die Bürger sind nicht informiert über Registrierungen, über die Hilfsmaßnahmen der Regierung, über den Master-Plan, wenn es denn einen gibt.“

Auf die Frage, was er sich für die nächsten Wochen am dringensten erhofft, antwortet Carlos: „Dass man uns nicht alleine läßt. Wir sind zwar arm – aber wir sind auch Teil dieses Landes.“

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11.09.07

Rustikale Gesundheitsversorgung

Klappernd und holpernd schiebt sich der Pickup-Truck über die auf über 4000 m über dem Meer gelegene Hochebene in den Anden. Vor uns ebenfalls ein Pickup, der ganz offensichtich hoffnungslos überladen ist und es nicht mehr über eine kleine Anhöhe schafft. Die Leute hinten auf der Ladefläche bedeuten uns, ob sie bei uns mitfahren können. 5 Leute kriegen wir bei uns unter, 4 auf der Rückbank, einer auf der Ladefläche. In dem anderen Fahrzeug bleiben immer noch 9 Leute. Unsere Mitfahrer erzählen uns, sie seien unterwegs in ein Dorf, dort hinter der Lagune, um dort ein Impfprogramm sowie ärztliche Untersuchungen durchzuführen.Sie alle arbeiten beim staatlichen Krankenhaus in Huamachuco und opfern jeweils einen Samstag pro Monat ihre Freizeit, um diese rudimentäre Gesundheitsversorgung in den weit von der Stadt entfernten Dörfern zu gewährleisten. Die Medikamente, Instrumente und den Pickup-Truck stellt das Krankenhaus zur Verfügung. Ein Pickup-Truck für 14 Leute... über mehr gelängegängige Fahrzeuge verfügt das Kankenhaus nicht. Nach ca. 30 Minuten kommen wir in dem Caserío an, dem kleinen Weiler ohne Namen. 6 ärmliche Gehöfte, ca 70 Leute wohnen dort, leben fernab von jeglicher Zivilisation, Bauern sind sie, die Erde gibt nicht viel her hier oben.Die gesamte Dorfgemeinschaft hat sich schon in Erwartung des Impfkommandos versammelt. In bunten Kleidern sitzen Frauen, Männer und Kinder vor der Dorfschule und harren der öffentlichen Sprechstunde. Ärzte, Zahnärzte und Krankenschwestern bauen in und vor der Schule ihre „Sprechzimmer“ auf, Spritzen und Arzneimittel werden aus Kartons geholt, und dann beginnt die ärztliche Konsultation. Als Lockmittel werden belegte Brötchen und Coca Cola angeboten, das erhöht den Anreiz, sich dieser Strapaze auszusetzen. Wen die Brötchen nicht locken, den lockt die Neugier. Wenigstens ist mal was los im Dorf!Alle schwangeren Frauen in das Klassenzimmer, der Zahnarzt operiert unter freiem Himmel, auch die Tetanus-Impfungen finden vor den Augen des gesametn Dorfes statt. Im Nu geht die Massenversorgung los. Kleine Kinder schreien beim Anblick der Spritzen, da werden Zähne mit der Zange gezogen und einzelne Tabletten verabreicht.
Keine Betäubung, keine sterilen Geräte, es geht sehr rustikal zu bei dieser Gesundheitskampagne, und doch stellt sie für die kleine Dorfgemeinschaft einen großen Fortschritt dar. „Bist Du der Bruder von dem kleinen Jaime? Sag Deiner Mama, sie soll ihn in 8 Wochen wieder zur Kontrolle hierher bringen“ Artig nickt der Bruder und trottet mit Jaime an der Hand nach Hause. „Am 17. November“, murmelt er dabei unerläßlich vor sich hin, damit er das Datum auch ja nicht vergißt.

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30.08.07

Oh Du schönes Landleben !!!

Wenn man am Sonntag in der peruanischen Provinz über die Dörfer fährt, begegnet einem so allerlei Skurriles: neulich zwischen Maras und Moray zum Beispiel, es war so gegen halb sechs Uhr abends, kurz vor Sonnenuntergang, Kinder trieben gerade die Schafherden zurück in’s Dorf, die Landschaft strahlte wochenendliche Ruhe und Geruhsamkeit aus.

Zwei Frauen am Wegrand winken uns und machen deutlich, dass sie gerne mitfahren wollen. Wir halten an und die beiden alten Damen klettern kchernd und gackernd auf die Rückbank. Ich frage: „Nach Maras?“ und die Alten nicken eifrig. „Gracias, Mama“, sagt die eine und grinst mich breit und zahnlos an. Dass hier „Mamá“ einfach ein Ausdruck freundschaftlicher Verbundenheit ist, weiß ich inzwischen, und wundere mich nicht weiter drüber. Strahlend wie die Honigkuchen- pferde sitzen die beiden alten, runzligen Damen auf dem Rücksitz und freuen sich, mit zwei Gringos in so einem schicken Autos zu sitzen und sich den langen Fußweg zu sparen. Die Verständigung läuft holprig, da die Damen kaum spanisch sprechen, und ich leider nach wie vor kein Quechua kann. Es ist aber letztlich auch gar nicht so wichtig, immer die exakt richtigen Worte zu finden. Manche Situaitonen bedürfen keiner großen Erklärung.

Und so kippt die eine Mamita nach wenigen Momenten auch promt zur Seite und nickt ein, während mir die andere immer wieder mal von hinten auf die Schulter klopt und ihr „Gracias Mamá“ wiederholt. Der Wagen füllt sich schnell mit einem süßlichen, leicht stechenden Geruch nach Zuckerrohrschnaps, und so beantwortet sich auch die Frage, woher die beiden wohl kommen. Sonntag ist Feiertag, und die beiden Alten haben das wörtlich genommen und sich ein paar tragos einverleibt. Kurz vor Maras sagt die Wachere der beiden „baja“, was soviel bedeutet wie: wir steigen hier aus. Wir halten an und die beiden ziehen torkelnd von dannen. Zurück bleibt nur der Geruch nach einem dörflichen Festtag...

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30.07.07

Wir schimmeln hier so leise vor uns hin...

Also es ist ja schon erstaunlich, was so alles Schimmel ansetzen kann – bei derzeit 97% Luftfeuchtigkeit und klammen 14 Grad Celcius ist allmählich ganz Lima von einer gräulich-grünlichen Schimmelschicht überzogen...

Schimmlige Ecken in Badezimmern kennt man ja auch in Deutschland, und auch das eine oder andere verschimmelte Lebensmittel hat man wohl schon gesehen. Aber Lima hat da wirklich noch so einiges mehr zu bieten. Zum Beispiel haben wir hier gerade schimmlige Handtaschen, schimmlige Schuhe (wahlweise innen oder außen verschimmelt, gerne auch beides), schimmlige Geldbörsen samt ihrem mit Grünspan überzogenem Inhalt, schimmlige Tontöpfe, schimmlige Topfpflanzenerde, schimmliges Müsli in einem offenbar doch nicht gänzlich luftdichten Behälter, schimmlige Schokolade (ganz besonders gemein!!! ), schimmlige Teppiche, schimmlige Lederjacken, schimmlige Einkaufskörbe, schimmlige Servietten und schimmlige Laptoptaschen, schlimmlige Kartons und schimmlige Ledergürtel.

Als ich gestern Abend bei meinen Nachbarn Markus und Jacky auf ein Glas (zum Glück gar nicht schimmligen) Rotwein vorbeischaute, erzählten sie mir, dass sie nach mehreren Wochen, in denen sie ihr Auto nicht benutzt hatten, gestern erstmal wieder die Autotüren geöffnet hätten. Zu ihrem Entsetzen war der gesamte Innenraum des Wagens mit einem widerlichen, grau-grünen Schimmelflaum überzogen!

Tja... was soll man da machen? Ich geh' jetzt erst mal schlafen, in der Hoffnung, dass ich morgen früh nicht ebenfalls unter einer flauschig-grünen Schimmeldecke erwache...

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Blog-Blog

Das Bloggen erfreut sich bei meinen ebenfalls zwischen den Welten wandernden Freundinnen und Bekannten inzwischen wachsender Beliebtheit - in jüngster Zeit haben sich zwei Freundinnen der Bloggergemeinde angeschlossen und produzieren jetzt ebenfalls mal spannende, mal amüsante, mal informative und mal nachdenklich stimmende Artikel auf blogspot.com. Immer geht es dabei um's Leben in der Fremde, um das, was uns von den anderen unterscheidet und um das, was uns mit ihnen verbindet. Es geht um das, was uns hier auffällt und das, was den anderen an uns auffällt.

Das Bloggen ist Kommunikationsmittel und hat gleichzeitig einen therapeutischen Nebeneffekt, weil es dazu zwingt, Erlebtes zu reflektieren und für andere verständlich aufzubereiten. Meist versteht man auch selbst einiges besser, wenn man den Artikel dann zu Ende geschrieben hat...

Jutta's Land und Leute - Blog berichtet von Freud und Leid des Lima-Lebens - besonders empfehle ich hier einen Blick auf das gekonnt fotografierte Lima-Grau, ein Eintrag vom Juni 2007, der aber auch Ende Juli 2007 noch nichts von seiner Relevanz verloren hat!

Die "Bio-Jutta", wie ich sie getauft habe, arbeitet als Fachkraft bei einem Bio-Lebensmittel-Zertifizierer und beschäftigt sich deshalb auch gerne mit Öko-Themen, wie zum Beispiel dem Einsatz von Chemikalien in der Schädlingsbekämpfung. Auch außerhalb ihrer Biosphäre kann sie schon mal einen netten, kleinen, giftigen Seitenhieb abgebeben, vor allem, wenn man sie mal wieder auf offener Straße nervt, sie solle ihren Reisepass vorzeigen! ;-)

Der jüngste Neuzugang ist Hildegard's stranger-in-peru-blog. Ihr neuester Eintrag dreht sich bezeichnenderweise auch um's graue Lima und mögliche Zufluchtsorte für diejenigen, denen der einheitsgraue Himmel auf den Kopf zu fallen droht. Ihr seht, dass das Thema hier wirklich Hochkonjunktur hat.

Als Journalistin schreibt sie außerdem über soziale und politische Fragestellungen in Peru und Lateinamerika, unter anderem auch über eines meiner Steckenpferde, den Bergbau in Peru!

Wenn Ihr auf die Bilder klickt, kommt Ihr zu den entsprechenden Seiten!

Viel Spaß beim Lesen - ich hoffe, Ihr werdet mir bei so viel gebloggtem Lesestoff nicht abtrünnig! ;-)

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Roberto

Er ist einer der vielen Menschen, die mir hier in Lima den Alltag auf nette Art verschönern. Roberto ist Türsteher bei einem Touristikinstitut, nicht weit von mir zu Hause. Ich komme fast täglich mal bei ihm vorbei – wenn ich zum Bäcker gehe, oder zur Chinita, dem kleinen Lebensmittelladen um die Ecke, oder wenn ich den Bus in der Avenida Arequipa nehme. Immer steht er da vor der Tür, in Hemd, Krawatte und Pullover, und sieht so gar nicht wie einer der vielen Wachdienste aus, sondern eher wie ein Concierge von der feinen Sorte.

Roberto freut sich immer, wenn er mich um die Ecke biegen sieht, setzt sein breitestes Lächeln auf und streckt mir die Wange zum Küsschen entgegen. Meist plaudern wir ein paar Sätze, dann ziehe ich weiter meines Weges, und er positioniert sich wieder vor dem Haus, bis sein Dienst abends um elf Uhr endet.

Als ich im Januar aus Deutschland zurückkam und am nächsten Morgen beim Bäcker meine Lebensmittelvorräte auffrischte, tippte mich jemand von hinten an die Schulter. Vor mir stand Roberto, freudestrahlend, und streckte mir ein Eis am Stil entgegen. „Wie schön, dass Du wieder da bist, ich dachte schon, Du kommt gar nicht mehr wieder!!!“, sagte er von ganzem Herzen, und in dem Moment fühlte ich mich wieder richtig angekommen in Peru und wurde auf charmante Art daran erinnert, was das Leben hier so schön macht.

Als ich letzte Woche wieder einmal von einer Deutschlandreise zurückkehrte, erwartete mich eine nicht so fröhliche Überraschung: Robertos strahlendes Lächeln ist einer halbseitigen Gesichtslähmung gewichen. Während meiner Abwesenheit hatte er einen Schlaganfall, der rechte Mundwinkel hängt nun traurig nach unten, und auch Roberto’s Augen sprechen von dem Schock und der Sorge um die verlorene Gesundheit. Unsere Begegnung ist denn auch sehr gedrückt, aber dennoch nicht weniger herzlich. „Mir geht’s bestimmt bald wieder gut, mach’ Dir keine Sorgen!“, sagt Roberto, als er mein bekümmertes Gesicht sieht. Als ich ihm ein paar Minuten später ein Eis am Stil entgegenstrecke, zieht sich zumindest einen Moment lang der linke Mundwinkel nach oben, dorthin, wo früher das Lachen war...

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18.07.07

Heimat - was ist das?

Heimat, das sind die grünen Wiesen in Deutschland
der Duft von feuchtem Waldboden, der sanft federt unter meinen Füßen
Heimat, das sind die Getreidefelder, die ihre Ähren sachte im Wind beugen
das ist der Duft nach frisch gemähtem Heu, nach Kühen und Schafen
Heimat, das ist blauer Himmel, betupft mit weißen Wolken
das ist das Plätschern des Baches, der Klang der Kirchturmglocken
Heimat, das sind bunte Wiesenblumen und respektvolle Autofahrer,
das Eintauchen in eine vertraute Welt
Heimat, das sind die Menschen, die mich in den Arm nehmen
nach langer Reise, die zuhören und neugierig sind, die mich wieder aufnehmen in ihren Kreis, in ihre Gespräche, in ihren deutschen Alltag

Heimat, das sind die breiten Avenidas von Lima
mit ihren blinkenden Leuchtreklamen, in allen Farben und Formen
Heimat, das ist der kleine Bäcker an der Ecke mit seinen duftenden Brötchen, die Chinesin mit ihrem Tante-Emma-Laden, der Wächter vor unserem Haus;
Heimat, das sind Gespräche mit Taxifahrern über korrupte Politiker,
über die aktuellen Debatten und Streiks, ihren Sinn und ihren Unsinn
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Heimat, das sind wuselige Straßen und Plätze, auf denen sich Menschen drängen,
das ist der Blick über ein Meer aus Häusern mit flachen Dächern;
Heimat, das sind die Menschen, die mich in den Arm nehmen
nach langer Reise, die zuhören und neugierig sind, die mich wieder aufnehmen in ihren Kreis, in ihre Gespräche, in ihren peruanischen Alltag

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14.06.07

Sprechende Mauern, Steine und Berghänge

Was anderswo das Plakat, ist in Peru die Wand: Werbung, Pamphlete, Propaganda – alles findet sich auf Häuserwänden, Mauern, Bergrücken und was sonst der Beschriftung standhält.
So fährt man durch regelrecht sprechende Dörfer und Landschaften:

Ein Haus fordert „Landwirtschaft JA – Bergbau NEIN“, das nächste posaunt sein „Bergbau ist Fortschritt“ in die Welt. „Soziale Mobilisierung“ schallt es da von der Wand eines Latrinenhäuschens - etwas aus dem Kontext gerissen....

In ländlichen Gegenden findet man bunte Werbung für diverse Spritzmittel und Impfstoffe für Kühe, Schafe und Lamas.

Vor den Wahlen letztes Jahr eskalierte die Beschriftungs- manie und auf so manchem nackten Fels inmitten der Landschaft, fernab von gut und böse, sprang einem da plötzlich ein Wahlslogan von Alan Garcia entgegen oder das Wappen von Ollanta Humala’s Partei.

Während alle großartig im Beschriften sind,

scheint sich für die Beseitigung der Propaganda aber niemand zuständig zu fühlen... Eine Mauer fordert somit auch beharrlich weiter zur Wahl des ehemaligen peruanischen Präsidenten Fujimori auf, der derzeit in Chile seiner Ausflieferung nach
Peru und seines Gerichtsverfahrens wegen Menschenrechtsverletzungen und Korruption harrt.

Auch Grünflächen können sich der Politisierung bzw. Kommer- zialisierung nicht wehren und so strahlt über der Stadt Cusco stolz der in den
Berghang gekratzte Aufruf „Es lebe das
glorreiche Peru“, während in Lima die Rasenflächen entlang der Stadtautobahn mit Werbung für Milchprodukte, Banken oder Versicherungen „bepflanzt“ sind.
Es würde mich überhaupt nicht wundern, wenn ich bei meiner nächsten
Wanderung in den Anden einen Stein umdrehe, der unten mit der Aufschrift „Trink Coca Cola“ beschriftet ist, oder im Urwald ein Krokodil vorbeischwimmt, das auf seinem Rücken Werbung für
Zahnpasta macht!







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