Wandern zwischen den Welten....

21.12.09

Zurück in vertrauten Gefilden !!!

Uff…nach 2 ½ intensiven, spannenden, anstrengenden, zum Teil beschwerlichen, zum Teil wirklich superschönen Wochen in Bolivien bin ich jetzt wieder in Lima gelandet. Lima…das fühlt sich immer noch und immer wieder nach „zu Hause“ an. Schon der Flughafen – so wohlbekannt, erst das Prozedere bei der Immigration, dann das Warten am Gepäckband, schließlich der rote/grüne Zufallsknopf – muss ich mein Gepäck dem Zoll vorführen oder komme ich so davon? Ich habe Glück, der Knopf gibt grünes Licht, ich gehe durch den Zoll, schnappe mir einen Taxifahrer und trete vor das Flughafengebäude. Hmmmm - da bin ich also, tauche ein in diese typisch limeñische Mischung aus feuchter Meeresluft und Autoabgasen… nach den Wochen in den sauerstoffarmen Höhen der Anden kommt mir diese Luft vor wie die schönste Brise auf der ganzen Welt! Das Taxi biegt ein auf die Avenida Faucett und in mir macht sich Festtagsstimmung breit. Um mich herum jede Menge hupende Taxis, knatternde und scheppernde Busse, aus allen Nähten platzende Combis. Juhuu! Ich bin zu Hause!!! Wir quetschen uns durch die Straßen, durch gewiefte Manöver versuchen wir immer wieder, einem anderen Taxi einen Zentimeter Vorsprung abzuringen…im Jahr 2009 gab es bereits mehr als 563 Unfalltote auf Lima’s Straßen, das konnte ich eben in der Zeitung auf dem Flug von La Paz nach Lima nachlesen. 0,19% der Fälle gehen auf technisches Versagen zurück – die restlichen 99,81 % sind dann wohl zurückzuführen auf den absoluten Wahnsinn der limeñischen Fahrer…wen wundert’s??? Ob Bus, Taxi, Combi oder Privatwagen – hier fahren alle wie die Bekloppten. Lieber das eigene Leben riskiert als einem anderen die Vorfahrt gewährt – das ist hier das Motto! Aber… so bescheuert das vielleicht klingen mag… heute tauche ich in dieses lärmige, stinkende Chaos ein und finde es einfach nur großartig!

Der Weg nach Miraflores ist mir vertraut wie meine Westentasche, der Taxifahrer ist gesprächig, erzählt mir die neuesten Schoten aus Alan García’s Regierungs(un)wesen, arbeitet ganz nebenbei den üblichen Fragenkatalog ab von wegen „woher kommst Du?“ „was machst Du hier?“ „und Dein Ehemann – Peruaner oder Deutscher?“ und ich könnte ihn knutschen dafür, dass er alles richtig macht, bis hin zu der Frage, ob ich Ceviche mag. Ja!!! Ich liebe Ceviche!!! Und morgen werde ich mir einen ganzen Fischschwarm einverleiben!!

Wir kommen bei Jutta’s Wohnung an und der Wächter begrüßt mich mit einem „da sind Sie ja, wir haben schon auf Sie gewartet!“ Na wunderbar – ich habe auch schon seit Tagen auf den Moment gewartet, wo ich mich endlich wieder auf vertrautem Boden bewege…!!

Ich parke mein Gepäck in Jutta’s Wohnung und gehe dann gleich zu WONG - ein bisschen Proviant einkaufen, damit ich morgen früh wenigstens Kaffee und Milch im Haus habe. Jutta ist ja in Wien und ihr Kühlschrank gähnend leer…. Am Ovalo Gutierrez ist alles wie immer – die Obstfrau packt nach einem langen Arbeitstag ihren Wagen zusammen und schickt sich an, nach Hause zu gehen. Der Wächter vor der „Interbank“ grüßt - ebenfalls freundlich wie immer - und gleich um die Ecke, kurz vor dem Eingang zum Supermarkt, sitzt die Frau mit dem Rollstuhl, die hier immer Bonbons verkauft. Ich sage ihr, dass ich ihr was gebe, wenn ich rauskomme… Es hat sich wirklich gar nichts verändert…denke ich….

Im WONG erwarten mich allerdings große Veränderungen!!! Der ganze Supermarkt gleicht einem blinkenden, glitzernden, leuchtenden Weihnachtsmarkt – Lichterketten, Nikoläuse, Schneemänner und alles, was man sich an Weihnachtsdeko nur vorstellen kann. Das Ganze trifft mich so unerwartet wie einen japanischenTouristen, der im Hochsommer in Rothenburg ob der Tauber in Käthe Wohlfahrt’s Weihnachtsdorf tritt… Im Hintergrund klimpert jemand auf dem Flügel – das fand ich schon immer skurril: ein Flügel im Supermarkt, steht da so rum, zwischen Fischtheke und Sahnetortenabteilung, ein junger Typ in weißem Hemd und schwarzer Hose gibt sein Können zum Besten, daneben plätschert ein Springbrunnen gleichgültig vor sich hin, über allem flutet gleißend helles Neonlicht und die Leute schieben ihre Einkaufswagen durch die Gänge… ich bahne mir meinen Weg durch die unglaubliche Menschenmenge, die am Samstag Abend um halb zehn offenbar nichts Besseres zu tun hat als im Supermarkt herumzuflanieren und den Kauf eines Stück Käses zum Ereignis des Jahres zu machen: „Ja, ich bin jetzt hier an der Käsetheke….nein, mi Amor, ich kann den Käse nicht finden. Letzte Woche war er noch hier. Ach Du meine Güte….was machen wir denn nun??? Pizzakäse??? Nein…lass mich mal schauen.. (sie lehnt sich von links über mich und grapscht nach einem Käse)….“nein…gibt es nicht….ach, hier…ja…ich glaube, ich hab was….“ Und so weiter und so fort. Ich mache, dass ich wegkomme. Kaufe ein paar Mangos (Mangozeit!!!), Avocados, Salzstangen, Wein, Salat vom Salatbuffet, Milch, Kaffee…. Und ab zur Kasse. „Tarjeta Wong?“ fragt die Verkäuferin, auch wie immer, und ich schüttle den Kopf. Hab keine Wong-Karte. Will keine Wong-Karte. Brauch auch keine Wong-Karte. Bin ja nur zu Besuch hier. Aber nett, dass sie trotzdem fragt…!! Gott ist das schön, hier zu sein. All das zu kennen. Es zu lieben, in all seiner wundersamen Absurdität. Und mich hier noch immer genauso zu Hause zu fühlen wie in Köln!!! Manche Menschen sind zweisprachig. Ich bin eben zweiwohnortig :-)

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09.06.09

Film zu La Oroya jetzt verfügbar!

Den Film zur Problematik in La Oroya gibt's jetzt auf DVD in 3 Sprachen (englisch, spanisch und deutsch) - zu beziehen bei http://www.kigali-films.com/

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08.02.09

Alejandro

Genau drei Monate ist das nun her, dass wir Alejandro und Rosa mit ihren vier Kindern in La Oroya zurückgelassen haben. Winkend standen sie im November 2008 vor dem Haus und schauten, wie die exotischen Besucher aus Deutschland wieder davonfuhren. Damals waren wir mit sehr gemischten Gefühlen weggefahren von dieser Familie, die wir zehn Tage lang begleitet hatten. Zu tief hatten uns unsere Filmarbeiten, die Interviews, die Einblicke in die triste Realität von La Oroya auch mit Alejandro’s und Rosa’s Geschichte verbunden. Wir fuhren weg mit dem Wissen, dass zwei der vier Kinder hohe Blei- und Arsenwerte im Blut haben. Dass das sehr gefährlich ist. Dass Alejandro seinen Arbeitsplatz bei Doe Run zum Ende des Jahres verlieren würde. Dass Rosa selbst Verdacht auf Krebs hat und nichts davon wusste. Kein Geld für eine vernünftige Diagnose. Kein Geld für eine langwierige Behandlung.

Nun – drei Monate später – sind wir wieder da. Stehen vor der grauen Hütte mit dem eingefallenen Dach, die klapprige Holztür steht halb offen. Wir klopfen. „Señora Rosa…?“ rufen wir. Und noch einmal, diesmal lauter: „Señora Rosa!!“

Rosa kommt aus dem dunklen Raum heraus in den Hof. Sie trägt den gleichen grünen Strickpulli wie vor drei Monaten, die gleiche blaue Wollhose. Auf dem Kopf eine lilafarbene Pudelmütze. Plötzlich fühlen wir uns, als wären wir nie weggewesen, hätten nie Weihnachten in Deutschland gefeiert, den Jahreswechsel erlebt, so viele, ganz andere Erlebnisse gehabt. Wir stehen wieder in dem dreckigen Hof, von den Leinen tropft die nasse Wäsche, die Rosa gegen ein kleines Entgelt für Nachbarn wäscht. Von gegenüber, gleich über die Straße und den Fluss hinweg, dröhnt wie eh und je der metallene Lärm der gigantischen Industrieanlage. Doe Run Peru. Marode steht die Schmelzhütte da, trotzig, störrisch, wie schon so lange. An Modernisierungsmaßnahmen hat die Anlage in den fast hundert Jahren ihrer Existenz immer nur das Allernötigste erfahren. Der riesiege Schornstein bläst beißenden, stechenden Rauch zu uns herüber. Wir wissen von unserer Reportage im November, was für ein giftiges Gemisch das ist, das sich wie eine Glocke über die Stadt legt, in Häuser, Nasen, Augen und Lungen dringt. Die Berge macht es kahl und grau. Die Menschen macht es krank. „Blei im Blut“ – das war der Titel unserer Reportage im November, und Rosa’s Kinder waren unsere Protagonisten.

Rosa hat für den Kalender mit den Erinnerungsfotos, den wir ihr mitgebracht haben, gar keinen Kopf. Zu sehr drängen die aktuellen Ereignisse sie zum Handeln. „Mein Mann ist sehr krank, Señorita. Kommen Sie herein.“ Wir drängen uns in die muffige, dunkle Hütte. Die grauen Holzdielen knarren. Das kaputte Fenster ist mit einem alten Plastiksack zugehängt. Im Zimmer stehen zwei Betten, auf denen sich grobe Wolldecken türmen. Die Luft riecht feucht und abgestanden. Der Boden ist schmutzig. Im Hintergrund dröhnt ein Radio. Alejandro sitzt in sich zusammengesunken auf dem Bett. Noch immer trägt er den weiß-grünen Trainingsanzug der Firma Doe Run – der Firma, die ihn über Jahre als Mitarbeiter im sogenannten Aufforstungsteam beschäftigt hat, zu einem Hungerlohn. Krankenversicherung, Kündigungsschutz und Arbeiterrechte exklusive. Der Firma, die seine Kinder mit ihren Unmengen von giftigen, stinkenden Abgasen krank macht. Der Firma, die ihn im Dezember ohne Angabe von Gründen zusammen mit 65 weiteren Arbeitern auf die Straße gesetzt hat. Der Firma, die für ihn einzige Hoffnung und Abgrund zugleich bedeutet. Nun sitzt er da und zieht langsam den übergroßen Sombrero von seinem Kopf: „Schauen Sie her, Señorita…“ Dort, wo vor drei Monaten noch dichte, dunkle Locken waren, ist jetzt ein kahlrasierter Schädel. Über dem linken Ohr prangt eine große, eckige Narbe. „Sie haben mir den Kopf aufgemacht. Sie haben mir einen Tumor rausoperiert.“ Vor vier Wochen war das. Viel mehr weiß er über seine Krankheit nicht zu sagen. Davon versteht er nichts. Nur dass es weh tut, das versteht er. Und dass es Angst macht. Große Angst.

Jetzt sitzt er wieder zu Hause. Rosa erzählt von den Schulden, die sie machen mussten, um die Operation und die Krankenhauskosten zu bezahlen. In den Gesichtern der beiden steht Sorge geschrieben. Elian und Juan, die beiden jüngsten Kinder, schauen betreten auf den Boden. Alejandro fühlt sich erschlagen. Es geht ihm nicht gut. Seit heute Morgen hat er wieder Schwindelanfälle, brutale Kopfschmerzen. Sein Gesicht ist bleich, seine Kräfte reichen noch nicht mal, um den Kopf zu heben. Wir drücken Rosa 150 Soles in die Hand, alles, was wir gerade in der Geldbörse haben. Sie soll ihren Mann so schnell wie möglich wieder in die Klinik nach Huancayo bringen. Er braucht ärztliche Behandlung. Wenn wir auch sonst nicht viel über seinen Zustand wissen – das ist ganz offensichtlich. „Gracias, Señorita. Gracias…“, sagt Rosa, und streicht dabei ihrer Tochter verlegen über den Kopf.

Wir gehen aus dem Haus. Stehen auf der Straße. Schauen auf die Industrieanlage gegenüber. Doe Run Peru. La Oroya. Metallurgische Hauptstadt Südamerikas. Was für ein Hohn. Ohnmacht überfällt uns. Trauer. Frust. Und Wut. Geballte Wut.

Warum tut niemand was gegen dieses Sterben? Wie kann es sein, dass alle wissen, dass diese Anlage, dieser Ort, einer der zehn verschmutztesten Orte auf diesem Planten, die Menschen krank macht, und nichts passiert? Wie kann es sein, dass dieses Unternehmen gigantische Gewinne einfährt und direkt gegenüber, keine zweihundert Meter entfernt, die Menschen an den Abgasen dieser Firma krepieren? Ich wollte den peruanischen Umweltminister damals, im November, provozieren, als ich ihn fragte, ob die Menschen in La Oroya wirklich von dieser Industrieanlage leben, oder ob sie nicht vielmehr daran sterben. Wie grausam berechtigt diese Frage war, wird mir jetzt, vor dem Haus von Rosa und Alejandro, noch einmal in aller Klarheit und Deutlichkeit bewusst.

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20.06.08

Reise in’s Perú Profundo

Meine Reise führt mich diesmal über Cusco und Abancay nach Antabamba, eine Provinz in den Hochanden Perus. Unsere Partnerorganisation IIDA lädt mich ein, ihr Programm mit dem Titel „Umwelt und Bergbau“ kennenzulernen, das von Misereor unterstützt wird.

Nach Cusco bringt mich das Flugzeug – und auch wenn ich diese Strecke schon X Mal geflogen bin, ist es immer wieder ein einzigartiges Erlebnis: obgleich wir eine Flughöhe von 10.000 m haben, liegen ganz nah unter uns die mächtigen, faltigen Anden, wie Runzeln eines alten Elefanten, trocken, spröde, unglaublich mächtig und stark.

Wir fliegen in einem engen Bogen in den Talkessel hinein, in dem die alte Inka-Hauptstadt Cusco mit ihren schönen roten Ziegeldächern und den vielen klobigen Kirchtürmen liegt. Über dem „Nabel der Welt“ scheint die Andensonne – der Himmel ist blau und das graue, niesliege Wetter Limas ist schon längst vergessen!

Sorroche – höhenkrank…

Im Hotel in Cusco lege ich mich erst mal auf’s Bett. “Langsam, gaaanz langsam angehen lassen“, das ist hier oben die Devise! Ich weiß aus schmerzhafter Erfahrung, wie tückisch die Höhenkrankheit ist. Mal geht’s besser, mal geht’s schlechter… diesmal trifft’s mich richtig hart. Die 3400 Höhenmeter kriechen mir langsam und unaufhaltsam in den Körper. Nach ein paar Stunden drückt der Kopf, als ob er in einen Schraubstock gespannt wäre. Mein Hirn fühlt sich an wie Watte, mir ist flau im Magen und schwindlig im Kopf, ich fühle mich total betrunken, ohne einen Tropfen Alkohol angerührt zu haben. Das Atmen macht schon auf der dritten Treppenstufe Probleme – und ich muss noch weit hinauf, bis in den dritten Stock. Ächz!!! Das Herz stolpert vor sich hin wie ein verirrter Wanderer. Ich kippe Literweise Coca-Tee in mich hinein, doch auch das hilft nicht wirklich… Mitten in der Nacht werfe ich die erste Kopfschmerztablette ein, nach einer weitgehend schlaflosen Nacht folgt am nächsten Morgen die zweite… es dauert wohl noch ein, zwei Tage, dann bin ich akklimatisiert. Endlich!

Auf in die Provinz!!

Wir fahren von Cusco auf einer wunderschönen Strecke durch die andine Bergwelt. Am Straßenrand wälzen sich schwarze Schweine im Dreck, laufen Frauen mit ihren Wollspindeln zu einem mir unbekannten Ziel, spielen Kinder mit einem alten Lederball Fußball, hacken Männer mit bunten Wollmützen das duftende Eukalyptusholz. Hinter jeder der zahlreichen Kurven lauert ein neuer, atemberaubender Blick auf schneebedeckte Gipfel oder rauschende Wildbäche.

Nach 4 Stunden kommen wir in der Hauptstadt der Region an: Abancay ist ein lebendiges Städtchen, umgeben von mächtigen Bergen, darüber ein strahlend blauer Himmel mit weißen Wattewölkchen… Von hier aus geht’s weiter, immer tiefer hinein in die peruanische Provinz. Nach zwei weiteren Stunden Fahrt im allradbetriebenen Pick-up-Truck verlassen wir die geteerte Straße und holpern auf einer staubigen Piste in ein tiefes Flusstal hinein.
Immer tiefer und tiefer arbeiten wir uns voran und am Ende des Tals, nach fast drei Stunden ruckliger Fahrt, steigen wir schließlich die Hänge der Anden hinauf, Kurve für Kurve, bis wir auf fast viertausend Meter Höhe angekommen sind.

Inzwischen geht die Sonne unter und taucht das ganze Flusstal in ein goldenes Licht. Die Besiedlung in dieser Gegend ist dünn – kleine Dörfer, umgeben von alten, noch aus der Zeit der Inkas stammenden Anbauterrassen. Ein malerisches Bild – doch die Menschen hier leben in Armut. Ihre Häuser sind einfach, die Einnahmen aus der Landwirtschaft reichen gerade für's Nötigste. Die Temperaturen fallen jetzt, im Winter, schon mal auf minus 5 bis minus 10 Grad. Wie die Kinder mit ihren bloßen Füßen diese Kälte überleben, ist mir immer noch ein Rätsel.

Antabamba – Provinzhauptstadt

Antabamba heißt die Hauptstadt der Provinz. Motorisierte Fahrzeuge sind hier noch eine Seltenheit. Dafür gibt es haufenweise Pferde und Esel. Mitten im Dorf, pardon: in der Stadt, die Plaza de Armas, der große Platz, auf dem sich das soziale Leben abspielt. Über ihm prangt stolz und mächtig eine alte, koloniale Kirche – sie bietet Platz für mindestens fünfmal so viele Einwohner wie Antabamba heute hat. Wir quartieren uns in einem „Hostal“ ein – groß ist die Auswahl an Unterkünften hier nicht. Die Kollegen von unserer Partnerorganisation – Julio, Carlos und Denver – überlassen mir großzügig das einzige Zimmer mit „baño privado“, mit meinem eigenen „Bad“. Dieses besteht aus einem schmuddeligen Waschbecken und einer nicht weniger schmuddeligen Toilette, alles diskret hinter einem alten, vergilbten Duschvorhang versteckt. Die Abflüsse dünsten einen modrigen Geruch aus. Aus dem Wasserhahn kommt eiskaltes Wasser. Das Duschen werde ich so weit wie möglich vermeiden, während dieses Aufenthalts! Die Matratze ist durchgelegen und ich bin froh, dass ich inzwischen schon über mehrjährige Provinzerfahrung verfüge: ohne meinen eigenen Schlafsack gehe ich nicht mehr auf Reisen, auch wenn der in Lima zwischenzeitlich Schimmel angesetzt hat. Immer noch besser, als die Last der schweren und staubigen Pferdedecken zu ertragen, die auf dem Bett aufgetürmt sind… auch meine Wärmflasche, mein Schal und meine kleine Taschenlampe leisten mir mal wieder wertvolle Dienste…

Perú Profundo

Das Schönste im „tiefsten Peru“ ist der blaue Himmel, dicht gefolgt von den majestätischen Bergen, die wie die Pranken eines Riesen in der Landschaft liegen, unbeweglich, faltig, runzlig, staubig, trocken und unendlich stark. Man kann sich gut vorstellen, welche Mächte gewirkt haben, als diese gewaltige Bergkette aufgetürmt wurde, wie sich langsam Falte um Falte nach oben geschoben hat. Kleine Menschlein mit abwegigen Ideen und einem unverrückbaren Starrsinn haben sich irgendwann auf diesen Pranken angesiedelt, haben Anbauterrassen in die Berge gescharrt und ringen dem kargen Boden auf Höhen von dreitausend bis viertausend Metern noch heute Mais, Kartoffeln, Quinoa und Kiwicha ab. Am Abend steigt der Mond am Horizont auf, und nach Sonnenuntergang sind die funkelnden und leuchtenden Sterne des „Kreuz des Südens“ zum Greifen nah.

Morgendliches Landleben

Um fünf Uhr morgens erwacht das Dorf mit Geschepper und Geklapper zu neuem Leben. Es herrscht ein eifriges Treiben im Hof. Aus dem Radio dröhnt laute Musik, volkstümlich, ein bißchen schrill, eine nicht wegzudenkende Konstante im andinen Dorfalltag. Der Hahn kräht sich die Seele aus dem Leib, Wasserhähne rauschen im Hof, das Feuer, auf dem die Señora die erste Mahlzeit des Tages kocht, riecht nach Eukalyptus und wärmendem Holz. Es ist knackig kalt im Zimmer, ich stehe auf, wasche mich mit eiskaltem Wasser, ziehe mir die altbewährte Andenzwiebel an – Unterhemd, T-Shirt kurzärmlig, T-Shirt langärmlig, Pullover, Fleecejacke, Anorak, Schal, Mütze. Mit jeder halben Stunde, in der die Sonne höher steigt, werde ich mich sukzessive wieder diverser Schichten entledigen.

Desayuno andino – das Andenfrühstück

Zum Frühstück gibt es Caldo de Gallina - eine deftige Hünhersuppe. Ein großer, dampfender Pott steht vor mir, reichlich Nudeln, Kartoffeln, ein Hühnerbein, ein Ei samt Schale… „Das reicht für eine ganze Familie“, denke ich, und tauche beherzt den Löffel in das köstliche Heiß. Während ich mich nach der Hälfte geschlagen gebe, bestellen meine Kollegen noch einen Nachschlag. Ich weiß nicht, ob Peruaner einen zweiten Magen haben? Einen doppelten Boden vielleicht? Oder wo essen die das alles hin????

Projektbesuche

Julio, Carlos und Denver haben ein Besuchsprogramm für mich vorbereitet. Heute besuchen wir zwei Dorfgemeinschaften, die ersten, Huaquirca, liegt auf einem der gegenüberliegenden Berghänge. Wir fahren also erst mal auf einer waghalsigen Piste die 1500 Meter hinab bis zu dem reißenden Fluss, der der Provinz ihren Namen gibt, und von dort aus dann wieder gut 1300 Höhenmeter hinauf, bis wir in Huaquirca angekommen sind. Auf dem Weg begegnen uns Kühe, Schafe, Pferde und Ziegen. Vereinzelt tragen Frauen ihr Bündel Brennholz auf dem Rücken und wandern in hurtigem Schritt in ihren Sandalen aus Autoreifen die steilen Berge hinauf. Wenn wir sie auf der Ladefläche unseres Pickups mitnehmen, schenken sie uns ein breites, oft zahnloses Lächeln.

Wir wollen mit dem Bürgermeister, dem Führer der bäuerlichen Dorfgemeinschaft und den anderen Dorfautoritäten sprechen. Unsere Partnerorganisation hat in den letzten drei Jahren Ausbildungskurse mit den lokalen Führungspersonen durchgeführt, zu Themen wie „Bergbau und Umwelt“, „Stärkung der Verhandlungskapazität der Dorfgemeinschaften im Umgang mit Bergbauunternehmen“, „Rechte der Dorfgemeinschaften“, „Nachhaltige Ländliche Entwicklung“ und so weiter. Ich will mit den Leuten vor Ort sprechen um rauszufinden, wie diese Kurse ankamen, ob sie den Leuten was gebracht haben, und wie sie die aktuelle Situation in der Provinz sehen. Fast 80% der Provinz Antabamba sind für den Bergbau konzessioniert, über 25 nationale und internationale Unternehmen wollen hier in Zukunft Gold, Silber und Kupfer abbauen. Für die überwiegend von der Landwirtschaft lebende Bevölkerung ist das ein neues Thema. Es birgt Chancen, aber auch viele Risiken. Unsere Partnerorganisation hat sich zum Ziel gesetzt, den Menschen bei ihrer Entscheidungsfindung im Umgang mit diesem neuen Thema zu helfen und sie mit Fachwissen, technischer und juristischer Beratung zu begleiten. Es ist ein heißes Eisen, denn wo Bergbau in großem Stil stattfindet, geht dies immer einher mit der Korruption der lokalen Behörden. Bürgermeister und Präsidenten der Dorfgemeinschaften werden bestochen, um den Dorfgemeinschaften die kommunalen Ländereien abzuringen. Die Dorfgemeinschaft spaltet sich alsbald in Minengegner und Minenbefürworter. Es beginnt ein regelrechter Kleinkrieg im Dorf. Mit dem sozialen Frieden ist es meist schnell vorbei. Deshalb führt unsere Partnerorganisation auch Kurse in Konfliktmanagement durch und versucht die Basisorganisationen in ihrem Zusammenhang zu stärken. Kein leichtes Unternehmen. Wer – wie ich - auf dem Dorf aufgewachsen ist, weiß, welche Dynamiken in so einem Dörfchen stecken können….

Wir kommen um kurz vor acht im Dorf an und suchen den Bürgermeister auf. Der ruft über den Lautsprecher der Municipalidad eine Versammlung aus. Langsam tröpfeln die Gemeinderäte, die Bauernführer, Stadtverwalter und landwirtschaftlichen BeraterInnen ein und nehmen in dem von der Morgenkälte noch eisigen Büro des Bürgermeisters Platz. Neben dem Schreibtisch und ein paar Stühlen ziert die peruanische Flagge den Raum und verleiht ihm seinen offiziellen Anstrich. Der Bürgermeister eröffnet umständlich die Sitzung: Muy buenos días, Señor Presidente de la Comunidad Campesina, Señor Regidor, Señor Gobernador; Señora promotora ambiental, Señora Susana de la institución Misereor de Alemania, compañeros de IIDA....Es ist ein langer Sermon, der von jedem weiteren Anwesenden zu Beginn einer Wortmeldung wiederholt werden wird, was der Sitzung einen sehr zeremoniellen und ein bißchen langatmigen Charakter verleiht… die wirklichen Inhalte gehen in dem rituellen Beiwerk leicht unter. Schön ist es trotzdem. Willkommen im Perú Profundo!

Und nochmal Caldo de Gallina

Nach der Versammlung lädt der Bürgermeister zum Frühstück im Dorflokal gleich an der Plaza der Armas und neben der trutzigen Dorfkirche ein. Es ist ein nüchterner Raum, einfach Holzplanken auf dem Boden, an den kalten Wänden ein paar bunte Werbeposter. Ein großer Holztisch mit einer speckigen Wachstischdecke in der Mitte des Raums, Plastikstühle und eine Holdbank drum herum. Es riecht ein bißchen modrig und zieht ungemütlich durch alle Ritzen.

Eine beleibte Señora mit ihren zahlreichen bunten Röcken und einem braunen, runden Hut auf dem Kopf rührt im Nachbarraum in einem großen Blechtopf, der über dem Holzfeuer hängt und serviert schließlich das Mahl.

Es gibt – wie sollte es auch anders sein – Caldo de Gallina!!! Ich schlucke und fluche heimlich in mich hinein, dass ich das doch eigentlich hätte ahnen können! Ist ja nicht mein erster Besuch auf dem Land!!! Hätte ich am frühen Morgen im Kreis des Projektteams noch höflich und ohne großen Gesichtsverlust ablehnen können, so ist mir dieser Ausweg in dieser Situation versagt. Vor mir dampft also erneut eine große Schüssel mit einer ordentlichen Portion Suppe, Nudeln, Kartoffeln, Hühnerbein und Ei – das komplette Programm, zum zweiten Mal an diesem Vormittag!! Der Bürgermeister sitzt am Tischende und schlürft lautstark seine Suppe, Löffel klappern, das Radio dröhnt, dazwischen wird über lokale Politik und die Viehdiebe debattiert, die vor ein paar Tagen ein Dutzend Kühe gestohlen haben.

Freiheit, Sattheit, Zufriedenheit…

Um die Mittagszeit fahren wir zurück – hinab bis zum Fluss, hinauf nach Antabamba. In den nächsten Tagen stehen noch diverse ähnlicher Sitzungen auf dem Programm. Wir fahren X mal hinunter ins Tal und an einem der vielen Berghänge wieder hinauf in ein Dorf. Ich werde nicht müde, die phantastische Landschaft zu bewundern. Ich sitze noch mehrmals vor randvollen Schüsseln mit dampfender Hühnersuppe, Kartoffeln, Nudeln und Ei. Jeden Tag fühle ich mich ein bißchen schmuddeliger. Jeden Tag ein bißchen befreiter - so weit weg von jeglicher Zivilisation, so schön reduziert auf ein paar Tätigkeiten pro Tag. Multi-Tasking Ade! Hier ist das wirkliche Leben.

Forum „Bergbau und Umwelt“

Zum Abschluss dieses Projektbesuchs gibt es eine große Veranstaltung, an der die Autoritäten und Bauern der acht Distrikte der Provinz Antabamba teilnehmen. Einen ganzen Tag lang debattieren mehr die mehr als 120 Teilnehmenden des Forums über Chancen und Risiken des Bergbaus für die Provinz: Wie viele Einnahmen würde der Bergbau generieren? Was könnte man mit dem Geld alles machen? Wie könnte man das Geld am sinnvollsten ausgeben? Wo kann man Bergbau betreiben, ohne die kostbaren Wasserquellgebiete zu zerstören? Wo sind negative Umweltauswirkungen zu erwarten? Was bedeutet der Einfall der großen Unternehmen für den sozialen Zusammenhalt in den Dörfern? Würden die Bauern in den Minen Arbeit finden? Oder würde man womöglich nur ausgebeutet und seiner Lebensgrundlage, der Landwirtschaft, beraubt? Es sind Vertreter sämtlicher Positionen da und die Plädoyers für oder gegen den Bergbau werden in einem lustigen Gemisch aus Spanisch und Quechua vorgetragen. Alle kommen mit praktischen Beispielen, mit ersten konkreten Erfahrungen, mit Sachverstand oder mit bunten Phantasiegeschichten. Es ist ein lebhafter Erfahrungsaustausch, zum Teil wütend, zum Teil euphorisch vorgetragen. Viele Ideen werden angeregt. Viele Fragen aufgeworfen. Man beschließt, das Wichtigste sei es, sich gut auf alle diese Fragen vorzubereiten, sich gut zu organisieren. Und gründet sogleich eine „Verteidigungsfront für die Umwelt und einen Nachhaltigen Bergbau in Antabamba“.

Der Ehrengast im Dorfe…

Zur Feier dieses wichtigen Ereignisses hat die Frau des Bürgermeisters Chicharrón de Alpaca zubereitet, das sind frittierte Alpaca-Stücke. Dazu gibt es für jeden 5 Kartoffeln und einen Salat aus Zwiebeln und Tomaten. Alle sitzen in einer Runde und essen mit den Fingern das leckere Mahl. Ich schiebe Julio heimlich 3 Kartoffeln unter, bevor sie mir wieder zu den Ohren rauskommen. Als Ehrengast des Dorfes bekomme ich einen selbstgewebten Poncho geschenkt, den ich mit Stolz und Dankbarkeit entgegennehme. „Que hable, que hable“ („eine Rede!! Eine Rede!!!“) fordert die versammelte Menge und klatscht zum Ansporn in die Hände! Auch das ist zum Glück keine völlig ungewohnte Situation mehr. Ich weiß, dass das Wort von Außenstehenden großes Gewicht hat und versuche mit meinen Worten zu motivieren und zur gemeinsamen Lösungsfindung zu raten. Ich gratuliere zu der gelungenen Veranstaltung (finanziert von Misereor…), zu dem wichtigen Austausch von Informationen und Erfahrungen, und zur Gründung der neuen Organisation, die den weiteren Prozess begleiten wird. Ich verspreche, dass Misereor auch in den nächsten 3 Jahren über unsere Partnerorganisation Unterstützung anbieten wird und ernte dafür begeisterten Applaus.

Wenn schon mal ein Hilfswerk da ist…

Nach meinem Vortrag werde ich von diversen Dorfautoritäten diskret zur Seite gebeten, und kurz vor meiner Abreise werden noch diverse Finanzierungsanfragen für die Renovierung der Dorfkirche, für die Finanzierung des nicht vorhandenen Wasser- und Abwassersystems und für ein Projekt zur verbesserten Herstellung von Alpaca-Wolle an mich unterbreitet. Ich kann mich mit den in bereits zahlreichen ähnlichen Situationen erprobten Phrasen einigermaßen aus der Affäre ziehen, ohne jemandem vor den Kopf zu stoßen...

Zurück in die „Zivilisation“

Als wir nach 4 Tagen über die holprige Piste zurück nach Abancay fahren, bin ich voller bunter Bilder, faszinierender Eindrücke, spannender Erfahrungen und habe wieder viel, viel dazugelernt!!! Was hab‘ ich für ein Glück, dass das, was andere nicht mal im Urlaub erleben, bei mir auch noch unter dem Titel „Arbeit“ läuft!!!

Die lebendige, quirrlige Stadt Abancay kommt mir vor wie die Mega City New York, mit ihren vielen hupenden Autos, den blinkenden Leuchtreklamen, den bunten Restaurants und den auf den Straßen rumwuselnden Menschen… Im ersten Moment erschlägt mich das alles, und ich denke wehmütig zurück an das stille, provinzielle Antabamba mit seinem langsamen Rhythmus, wo ich mit den Alpacas schlafen gegangen bin und mit den ersten schrillen Radiotönen und dem Aufgang der Sonne aus dem Schlafsack gekrochen bin. Über die heiße Dusche freue ich mich trotzdem. Und auch ein frischer Salat statt heißer Hühnersuppe ist mir heute mal willkommen…

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19.06.08

Auf dem Weg in die Schule...

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10.02.08

Juhuu – wir kriegen ein Umweltministerium!!!

Als Perus Staatspräsident Alan García am 20.12.2007 verkündete, dass die Regierung ein Umweltministerium einrichten würde, bin ich vor Freude tanzend durch die Wohnung gehüpft und fand das für alle Umweltschützer, besorgten Bergbaukritiker und Klimawächter ein super Weihnachtsgeschenk! Wie lange hatten wir genau dafür plädiert, argumentiert, gestritten und gekämpft... Meine Mailbox quoll über von begeisterten Nachrichten von meinen von der Regierung gerne als "Ökoterroristen verunglimpften Freunden und Kollegen.

Inzwischen ist die Euphorie breiter Ernüchterung gewichen. Inzwischen wissen wir nämlich, dass Alan García nicht wirklich im Sinn hat, die Umwelt zu schützen, sondern nur einer Klausel Genüge tun will, die im Anhang des umfangreichen Freihandelsabkommens mit den USA formuliert ist. Man mag von dem Freihandelsabkommen halten, was man will, aber für die peruanische Umwelt könnte es mit all seinen Auflagen in mancherlei Hinsicht einen richtigen Fortschritt bedeuten… wenn es denn einen politischen Willen gäbe, diese Auflagen auch mit Inhalt zu füllen. Doch es gibt scheinbar nichts, was Alan García ferner liegt…

Die Konzeption zur Schaffung des Umweltministeriums soll nun in lächerlichen 20 Tagen aus dem Boden gestampft werden, unter konsequenter Nichtbeachtung aller bereits auf dem Tisch liegenden Vorschläge und Empfehlungen. Die dafür einberufene Arbeitsgruppe zeichnet sich in erster Linie dadurch aus, dass die meisten Mitglieder treue Apristas sind, das heißt, der APRA, der Partei des Präsidenten angehören. Die wenigsten bringen eine fundierte fachliche Expertise mit. Dem Leiter der Arbeitsgruppe sagt man nach, dass er sein einst sehr ausgeprägtes ökologisches Bewußtsein abgestellt habe, seit diverse Bergbauunternehmen ihm gutbezahlte Jobs verschaffen und ihn mit Geld für seine Fernsehsendung (und vermutlich nicht nur dafür) versorgen…

Ohnehin wurde bereits angekündigt, dass die aus Umweltperspektive kritischsten Themen nicht vom Umweltministerium bearbeitet werden sollen: so wurde die Umweltaufsicht für den gesamten Forstbereich vor Schaffung des Ministeriums eben mal im Landwirtschaftsministerium umgesiedelt.

Für den Fischfang soll eine eigene Institution zuständig sein und die Umweltaspekte des konfliktiven Bergbaus bleiben im Bergbauministerium, wo sie ja auch bisher angesiedelt waren (und geflissentlich unter den Tisch fielen…).

Wozu dann der ganze Aufstand, fragt man sich?
Wozu die ganzen Ausgaben, ein bürokratischer Apparat, der kaum echte Kompetenzen hat?
Um den Schein zu wahren und die Investitionen weiter anzukurbeln?
Um dem Modethema „Umwelt“ Genüge zu tun, ohne wirklich was zu verändern?
Um zu beweisen, dass Peru ein modernes Land ist, das mit seinen Ressourcen verantwortungsvoll umgeht?

Ich fürchte, meine Kollegen und ich werden noch eine ganze Weile in der Schublade der „Ökoterroristen“ stecken bleiben….

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07.02.08

Programmhinweis

Am kommenden Samstag, den 9.2. um 19 Uhr läuft auf ARTE der erste Teil unseres jüngst in Cajamarca gedrehten Beitrags zum Goldbergbau in Peru.

Unser Beitrag wird der letzte in der Sendung sein und beginnt um ca 19:30 Uhr.

Der zweite Teil läuft dann am Samstag den 16. Februar um 19 Uhr,
der dritte Teil am Samstag den 23. Februar um 19 Uhr.

Die ARTE Reportage ist außerdem 7 komplette Tage nach Ausstrahlung via Webseite einsehbar:

http://www.arte.tv/de/geschichte-gesellschaft/arte-reportage/103294.html
http://plus7.arte.tv/de/streaming-home/1697480,selectedTags=0-103294.html

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25.01.08

Miguel

Miguel Garcia schaut mit sorgenvollem Blick in die Ferne. Gegenüber von seinem Grundstück liegt die größte Goldmine Lateinamerikas, Yanacocha, ein Unternehmen, das in US-amerikanischer Hand ist und seit 1993 große Wunden in die Landschaften der Region Cajamarca im Norden Perus frisst.

Miguel sieht sich immer mehr umzingelt von diesem gierigen Monstrum, das ihn nach und nach einkreist, die Schlinge immer enger um seinen Hals zieht. Schon seit Jahren will die Mine Miguel’s Land kaufen, seit Jahren weigert er sich, seinen Grund und Boden zu verlassen.

Mit dem Rekordpreis von fast 1000 USD für eine Unze Gold wird die Gier des Unternehmens größer, der Druck auf Miguel wächst ebenfalls. Viele andere vor ihm haben verkauft, leben jetzt in der Stadt, hausen in einem Loch, betteln auf der Straße um ein Almosen. Auch Miguel’s Schwester hat schon vor Jahren ihr Land an die Mine verkauft. Das Geld, das sie für ihre Grundstücke bekommen hat, ist inzwischen längst ausgegeben, eine neue Lebensgrundlage jedoch hat ihr die Mine nicht geboten. „Was soll ich in der Stadt?“ – fragt Miguel. „Ich bin Bauer, ich bin auf diesem Land aufgewachsen, habe nichts anderes gelernt. Wenn ich verkaufe, dann entziehe ich nicht nur mir selbst die Lebensgrundlage, sondern auch meiner Frau, meinen acht Kindern, meinen fünf Enkelkindern. Ich kann doch nicht nur an mich denken. Was soll aus meinen Kindern werden, wenn ich alles verkaufe, was ich besitze?“

Das Unternehmen sieht Leute wie Miguel nicht gerne. Er schimpft über die zunehmende Umweltverschmutzung, die der zyanidbasierte Goldbergbau verursacht, über die versiegenden Wasserquellen, die Angst vor Vergiftungen. Sein Vieh muss er heutzutage viel häufiger mit Medikamenten behandeln lassen als früher. Alles Auswirkungen der Mine, die in nächster Nähe operiert.

Miguel gerät aufgrund seines offenen Widerstands immer wieder in’s Visier der mächtigen Mine, die in Cajamarca von der Polizei über die Regionalregierung bis hin zu Krankenhäusern, Ärzten, Sicherheitspersonal und amtlichen Behörden alle korrumpiert und alles kontrolliert. Drei Gerichtsverfahren laufen derzeit gegen ihn: dringen zum Beispiel die Mitarbeiter der Mine unerlaubt auf seinem Land ein, so werden nicht etwa diese verhaftet, sondern im Nu ist der Spieß umgedreht und Miguel hat ein Verfahren wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt am Hals.

„Leg’ Dich nicht mit uns an“, lautet die deutliche Botschaft, die Miguel von der Mine und ihren Sicherheitskräften immer wieder erhält. Und in der Tat haben andere Bauernführer wie er schon mit dem Leben dafür bezahlt, dass sie sich der Mine allzu offensiv in den Weg gestellt haben. Von Angst aber will Miguel nichts hören: „Ich fürchte den Tod nicht, denn sterben müssen wir alle irgendwann. Das einzige, wovor wir Menschen uns fürchten sollten, ist Gottes gerechtes Urteil über uns.“

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Die Region Cajamarca in Zahlen :

In Cajamarca produziert die größte Goldmine Lateinamerikas - Yanacocha - unschätzbare Reichtümer.
Im Jahr 2005 wurden in der Mine 2.609.000 Unzen Gold abgebaut.

Der Goldpreis hat aktuell ein Rekordniveau von 930 USD pro Unze Gold erreicht und wird vermutlich in Kürze die 1000-USD-Grenze überschreiten.

Zum Kontrast ein paar weitere Zahlen, die sich ebenfalls auf die Region Cajamarca beziehen :

Anteil der ländlichen Bevölkerung in Cajamarca: 72 %

Anzahl der Menschen, die in Cajamarca unterhalb der Armutsgrenze leben: 77%

Kinder mit chronischer Unterernäherung: 1996: 38.7 %; 2000: 42.8%

Zahl der schweren Atemwegserkrankungen: 1994: 12311; 2000: 48098
Zahl der schweren Durchfallerkrankungen: 1996: 7363; 2000: 11645
Zahl der Hauterkrankungen: 1996: 802; 2001: 2309
Zahl der entzündlichen Augenerkrankungen: 1996: 11; 2001: 310

Soziale Konflikte in Peru im Jahr 2007:
23.4 % aller sozialen Konflikte Perus sind in Cajamarca und Ancash angesiedelt, den beiden bedeutendsten Bergbauregionen Perus

Zahl der Minenkonflikte in Cajamarca im Jahr 2007: 14

Ermordete Bauernführer in Cajamarca:
* November 2004: Juan Montenegro Lingán (Santa Cruz)
* August 2006: Isidro Llanos Chevarría (Combayo)
* November 2006: Esmundo Becerra Cotrina (Yanacanchilla)

Bauern, die ein Gerichtsverfahrfen anhängig haben (Stand 2007):
im Distrikt Negritos (Distrikt ohne Bergbauaktivität) 01
im Distrikt Porcón Bajo (Distrikt mit Bergbauaktivität): 32

Zahl der Bauern, die 2007 im Zusammenhang mit Bergbaukonflikten inhaftiert wurden: Distrikt Totoracocha: 6

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Percy

Percy Portillas blättert nachdenklich durch die Seiten des Familienalbums.Seine Frau Ismary sitzt neben ihm, Sohn und Tochter schauen den beiden über die Schultern, deuten immer wieder lachend auf die Fotos vom vergangenen Jahr.

Seit den glücklichen Urlaubstagen hat sich Vieles verändert für die kleine Familie. Vor allem Percy hat sich verändert. Während auf den Fotos noch ein kräftiger, ja sogar fülliger Mann zu sehen ist, blickt einem heute ein schmalgesichtiger Mensch entgegegen, mit tiefliegenden Augen, fahler Gesichtshaut und zitternden Händen. Percy ist schnell außer Atem, von der Zeit, als er Meister im Gewichtheben war und Basketball spielte, kann er heute nur noch träumen.

Percy hat sechseinhalb Jahre als Maschinist für die Goldmine Yanacocha gearbeitet. Er mochte seine Arbeit, war stolz, für ein so großes und bedeutendes Unternehmen arbeiten zu dürfen.

Percy gehörte zu den Gewinnern, verdiente gutes Geld, kaufte ein kleines Haus in der Stadt für sich, seine Frau und seine drei Kinder.

Seit einem Jahr jedoch steht Percy’s Welt Kopf, seit einem Jahr gehört Percy nicht mehr zu den Gewinnern, sondern zu den Verlierern: es begann mit heftigen Durchfällen, schmerzhaften Magenkoliken, einem rapiden Gewichtsverlust von 30 Kilo innerhalb weniger Monaten. Die Ärzte in Cajamarca konnten sich diese Symptome nicht erklären, die Untersuchungsresultate fielen angeblich alle gut aus. Percy selbst bekam sie jedoch nie zu Gesicht und vertraute auf die Meinung der ihn behandelnen Unternehmensärzte. Nach einem halben Jahr begann Percy’s Schilddrüse verrückt zu spielen, offenbar eine Folge der rapiden Gewichtsabnahme. Die Behandlung mit radioaktiven Strahlen schlug nicht an, die Zitteranfälle von Percy wurden immer heftiger, an Arbeiten war für ihn über viele Monate nicht zu denken und es ging von Krankschreibung zu Krankschreibung.

Im November 2007 schließlich wurde Percy nach monatelanger Krankschreibung vom Bergbau- Unternehmen entlassen. Ein kleiner Unfall wurde zum Kündigungsgrund hochstilisiert, doch der Gewerkschaftsanwalt und Percy sind sich sicher, dass Percys anhaltende Gesundheitsprobleme der wahre Kündigungsgrund sind. Der Anwalt verwaltet Dutzende ähnlicher Fälle in seiner Gewerkschaftskanzlei und weiß, wovon er spricht.

Nach seiner Kündigung will Percy endlich wissen, was mit ihm los ist. Er geht nach Piura, läßt dort in einer unabhängigen Klinik erneut diverse Untersuchungen durchführen, und erfährt schnell, dass er stark erhöhte Quecksilberwerte im Blut hat - ein Berufsrisiko, von dem Percy zwar wusste, das er aber nie als ernstliche Bedrohung angesehen hatte. Die Schwermetallwerte im Blut waren von den Klinikärzten des Unternehmens ebenfalls untersucht worden, das Ergebnis jedoch hatte Percy nie schwarz auf weiß gesehen. Es sei alles okay, sagten die Ärzte, und Percy glaubte ihnen. Heute ist er eines Besseren belehrt „Hier in Cajamarca gibt es keinen einzigen Arzt, der nicht vom Unternehmen manipuliert wäre. Ständig werden unsere Werte kontrolliert, doch nie erfahren wir die wahren Ergebnisse. Und wenn wir krank werden, sucht das Unternehmen irgendeinen Vorwand, um uns auf die Straße zu setzen. Man entzieht uns die Krankenversicherung, man schmeißt uns raus wie ein Abfallprodukt. Wir haben ausgedient.“

Percy hat den Brief des Unternehmens, in dem er eine Kündigung in beiderseitigem Einvernehmen unterzeichnen sollte, nicht unterschrieben. Mit der Unterstützung des Gewerkschaftsanwalts zieht er in den Kampf gegen das Unternehmen, das ihn um seine Gesundheit betrogen hat, um seine Arbeitsfähigkeit, um seine Lebensgrundlage, um seinen Glauben an ein sozialverantwortliches Unternehmen.

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Yanacocha in Zahlen*

Unternehmen: Minera Yanacocha S.R.L.

Eigentümer von Minera Yanacocha S.R.L.:

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Newmont Mining Gold Corp (51,4%), USA
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Cía. Minas Buenaventura S.A. (43,5%), Perú
-
Corp. Financiera Internac.-IFC - Banco Mundial (5%)

Beginn des Goldabbaus durch Minera Yanacocha: August 1993

Abbaumenge 2005: 2.609.000 Unzen Gold

Preis pro Unze Gold: 930 USD (Stand Januar 2008)


Arbeitsplätze bei Minera Yanacocha: 1993: 1000; 2000: 5300; 2006: 11000 (davon 80% in Form von Unterverträgen)


Bergbaukonzessionen von Minera Yanacocha: 411 Konzessionen

Anteil der Konzessionen, die derzeit von Yanacocha ausgebeutet werden: 3%

Gesamtfläche, für die Minera Yanacocha Konzessionen in Cajamarca hält: 282.079 ha
Gesamtfläche, für die Minera Yanacocha weitere Abbau-Konzessionen beantragt hat: 25.000 ha

Bewegung von Erdmaterial durch Minera Yanacocha (Tonnen pro Tag)
1994: 17.000 to/Tag ; 1996: 23.000 to/Tag; 2003: 400.000 to/Tag; 2006: 600.000 to/Tag

Vom Bergbau betroffene Wasserquellgebiete: Porcón, Chonta, Honda, Rejo

Seit Beginn des Abbaus verschwundene Lagunen: San José, Maqui-Maqui, Yanacocha

Menge an Zyanid, die pro Tonne Erdmaterial zum Auswaschen des Goldes benötigt wird: 50 g Zyanid pro Tonne Erdmaterial, verdünnt in 1.000 Liter Wasser

Wasserverbrauch im Vergleich:

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Landwirtschaft: 6-8 Millionen m3 pro Jahr
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Stadt Cajamarca (150.000 Einwohner): 7 Millionen m3 pro Jahr
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Mine Yanacocha: 17 Millionen m3 pro Jahr

Ausbeutung von unterirdischen Wasserquellen für den Bergbau:
2001-2005: 20.064.779 m3 Wasser

*Quelle: Grufides

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Marco

Marco Arana zückt seine digitale Spiegelreflexkamera, fotografiert den Spion des Unternehmens, der uns seit einer halben Stunde mit seinem Pick-Up-Truck verfolgt und ein Bild nach dem anderen von uns knipst.
Es sieht aus wie ein Duell, wie er da den vom Unternehmen beauftragten Spitzel abfotografiert und dieser gleichzeitig seine Kamera auf Marco richtet. „So lange wir nur mit Kameras aufeinander losgehen, kann das wie ein albernes Spiel wirken. Doch ich weiß, dass dieser Mann dort nicht nur eine Kamera bei sich trägt, sondern auch eine Waffe. Wann wird er wohl diese auf mich richten?“

Marco Arana ist der Erzfeind der Goldmine Yanacocha. Als Priester hat er eine enge und vertrauensvolle Verbindung zu den Menschen, die in den Dorfgemeinschaften in der Nähe der Mine leben und tagtäglich mit dem Unternehmen und seinen Machenschaften konfrontiert sind.

Viele Bauern werden von Marco’s NGO Grufides juristisch beraten, weil sie ihr Land zu einem viel zu niedrigen Preis an die Goldmine verkauft haben, weil das Unternehmen den Bauern, die sich seiner Politik widersetzen, irgendwelche fadenscheinigen Gerichtsverfahren an den Hals hängt, weil das Unternehmen Wasserkanäle und Quellen für sich und seine Produktion beansprucht, ohne auf die Bedürfnisse der Bevölkerung Rücksicht zu nehmen.

Der engagierte Priester ist dem Unternehmen ein steter Dorn im Auge – nicht nur informiert er die Bauern über Ausweitungspläne der Mine, über Konzessionen und Abbaupläne, über ökologische Auswirkungen und soziale Begleiterscheinungen, er ist auch national und international bestens mit anderen Bergbaukritikern vernetzt, unterhält Kontakte zu Politikern, zu Menschenrechtlern, zu Umweltschützern, Wissenschaftlern und Journalisten auf der ganzen Welt.

Das Unternehmen tut deshalb auch alles, um seinen Ruf zu schädigen und seine Arbeit in Misskredit zu bringen. „Erst haben sie versucht, mich zu bestechen, als das nicht funktionierte, haben sie mich verleumdet. Sie nennen mich Aufwiegler, Terrorist, Drogenhändler, Frauenheld.“ Doch letztlich hat das Unternehmen mit seinen Schmutzkampagnen nur das Gegenteil erreicht. Mögen die lokalen und nationalen Medien auch noch so korrupt sein und die übelsten Dinge über Marco berichten – die ausländischen Journalisten von New York Times über BBC und Le Monde Diplomatique lassen sich von so plumper und parteiischer Berichterstattung nicht blenden.

Marco steht seit Jahren im Zentrum der Aufmerksamkeit und hinter ihm stehen Hunderte von Bauern, die sich von der Mine betrogen und bedroht fühlen. Sie sehen in ihm die einzige wahre Stütze zur Verteidigung ihrer Rechte, den einzigen verlässlichen Ansprechpartner, um Fragen zu klären, Informationen und Beratung zu erhalten.

Das Unternehmen dagegen sieht in als einen seiner gefährlichsten Gegner. Die ausländische Presse feiert ihn als Helden. Und er – wie sieht er selbst sich? Seine Stimme klingt resigniert, als er von dem Auftrag spricht, den Gott ihm auferlegt hat. Es ist ein schweres Kreuz, das er zu tragen hat, und er selbst hätte es sich freiwillig nicht ausgesucht. Und dennoch ist er mit ganzem Herzen dabei. „Aufgeben? Nein, das habe ich nie in Erwägung gezogen!“

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21.10.07

Hausarrest...

Am Tag des Censo 2007, der Volkszählung, liegt eine einzigartige, nie dagewesene Stille über den Straßen von Miraflores: kein Auto weit und breit, keine Taxis, keine Busse, keine Combis. Auch keine Radfahrer, Skateboarder oder Frauen mit Kinderwägen. Keine Eisverkäufer mit ihren trötenden Hupen, auch die Tamales-Frau, die sonst Sonntag vormittags immer ihre Runden dreht und mit lauten "Tamaaaaaaaales" -Rufen ihre Maisfladen anbietet, fehlt heute. Auf den Straßen und Plätzen herrscht gähnende Leere. Der Zeitungsstand um die Ecke hat geschlossen, und auch der Tante-Emma-Laden der Chinita, der sonst kein Ruhen kennt, bleibt heute zu. Supermärkte, Shopping-Malls, Kinos, Kneipen, Restaurants... alles zu! Das gibt's in Peru nicht mal an Weihnachten!!!

Die Stille wäre absolut....wäre da nicht meine Nervensäge von Nachbar, der diesen von oberster Stelle verordneten häuslichen Tag nutzt, um auf dem Balkon seine Wohnungstüren abzuschleifen.....gggrrrr.... ob ich rübergehe und ihn (...ganz spießig-deutsch...) anpflaume? Andererseits.... habe ich den Tag ja auch zum Heimwerkertag erkoren, wenngleich ich meine Arbeiten lautloser umsetzen kann. Also lasse ich ihn gewähren. So ganz ohne Zeichen von Leben wäre es ja auch ein bißchen unheimlich...

Ab und zu sehe ich die Volkszähler in ihren blauen Hosen und weisen T-Shirts von einem Haus zum nächsten gehen, und da klingelt es auch schon an meiner Tür und ein schüchterner junger Mann kommt mit seinem Fragebogen in meine Wohnung. Ich muss meinen Namen angeben und es folgt eine Reihe von Fragen zu meinem Familienstatus, zu meinem Bildungsniveau, zur Ausstattung meiner Wohnung, zu meinem Aufenthaltsstatus usw...

Nach 10 Minuten sind wir mit den Fragen durch und an meine Wohnungstür wird der Sticker "Vivienda censada" (registrierter Haushalt) geklebt. Raus darf ich trotzdem noch nicht... noch 6 Stunden Hausarrest, den ich mir mit telefonieren, kochen, Zeitung lesen, Mails schreiben genüsslich gestalte....

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