Wandern zwischen den Welten....

19.09.07

"Unsere Natur ist mehr wert als alles Geld der Welt"

Dorfgemeinschaften im Norden Perus lehnen Bergbau einhellig ab

Geduldig stehen die Campesinos des Distrikts Carmen de la Frontera am frühen Morgen des 16. September 2007 vor dem Stadium der Distrikthauptstadt Schlange und warten auf den Einlass.

Bereits am Vortag haben sich viele von ihnen in die Distrikthauptstadt aufgemacht um dort in einem Referendum ihre Stimme abzugeben. Manche haben einen Fußmarsch von 8 Stunden hinter sich, andere sind auf der Ladefläche eines LKWs oder auf dem Rücken eines Esels angereist.

Die Frage, die in der Volksabstimmung zur Debatte steht, lautet: sind sie damit einverstanden, dass in ihrem Distrikt Bergbau stattfindet? Die am Abend einhellig verkündete Antwort der bäuerlichen Dorfgemeinschaften lautet: Nein!

Drei Distrikten haben zur Beteiligung an der freiwilligen Abstimmung aufgerufen: Carmen de la Frontera, Ayabaca und Pacaipampa. Insgesamt gaben mehr als 18000 Bürgerinnen und Bürger ihre Stimme ab. Die freiwillige Abstimmung ergab ein eindeutiges Ergebnis: In den drei Distrikten stimmten jeweils mehr als 92% der Bevölkerung gegen den Bergbau, die Stimmen für den Bergbau erreichten in keinem der Distrikte mehr als 2% der Stimmen.

Konkret hatte sich die Debatte um den Bergbau im Norden Perus an dem Kupferbergbauprojekt Rio Blanco entsponnen, das von der britischen Firma Monterrico Metals durchgeführt werden soll. Monterrico Metals wurde Anfang diesen Jahres von dem chinesischen Zijin Konsortium übernommen wurde.

Die 6400 ha Land umfassende Konzession des Projekt Rio Blanco liegt in einem ökologisch sehr sensiblen Gebiet: hier befinden sich auch die letzten Nebelwälder Perus, die Quellgebiet für mehrere Flüsse und Heimat für eine Vielzahl seltener Pflanzen und Tiere sind. Neben dem Projekt RioBlanco gibt es noch eine Vielzahl weiterer Konzessionen, insgesamt beläuft sich die für den Bergbau konzessionierte Fläche auf mehr als 120.000 ha. Die Region unterhalb diesen Landes ist rein landwirtschaftlich ausgerichtet. Neben der Subsistenzlandwirtschaft produzieren hier mehrere Kooperativen ökologischen Fair-Handels-Kaffee, der unter anderem auch in Deutschland vermarktet wird, sowie Mangos, Orangen, Zitronen und andere Produkte für den Export. Die landwirtschaftliche Produktion würde durch die geplanten Bergbauvorhaben massiv gefährdet. Der World Wildlife Fund for Nature (WWF) hat sich ganz entgegen der Pläne der peruanischen Regierung für die Einrichtung eines großen Naturschutzparks in dieser Region ausgesprochen, internationale Umweltschützer sind über die Bergbaupläne sehr alarmiert.

Die Debatte um den Bergbau im Norden Perus wurde denn auch weit über die Region hinaus auf nationaler und internationaler Ebene geführt. Die Regierung unter Alan García setzte sich für die Durchführung des Bergbauprojekts ein und hatte mit allen Mitteln versucht, die Volksabstimmung vom 16.9.2007 zu vermeiden, wissend, dass die Mehrzahl der vor Ort lebenden Bürger sich gegen den Bergbau aussprechen würde. So durften die Schulen die Klassenräume nicht als Wahllokale zur Verfügung stellen, die nationalen Wahlbehörden verweigerten die Mitarbeit bei der Durchführung der Abstimmung und deklarierten den Prozess als illegal. Die Bürgermeister der drei Distrikte mussten sich als Kommunisten und Investitionsfeinde beschimpfen lassen. Die Regierung hat Anzeige gegen die drei Bürgermeister erstattet.

Rückenstärkung erhielten die Menschen in der Region von der Defensoría del Pueblo (Ombudsmann des Volkes), die mehrfach wiederholte, dass die Volksbefragung ein sowohl legales als auch legitimes Instrument zur Bürgerbeteilung sei. Selbst vom Justizminister musste sich Staatspräsident Alan García korrigieren lassen: der Prozess war im vollen Einklang mit der peruanischen Gesetzgebung und wurde ordnungsgemäß durchgeführt.

Auch das Unternehmen versuchte die Bauern der Region mit sehr hohem Einsatz von ihrem Nein abzubringen. So bot das Unternehmen den Dorfgemeinschaften Segunda y Cajas und Yanta wenige Tage vor der Abstimmung einen Entwicklungsfonds von 80 Millionen US Dollar an, wenn sie dem Bergbauprojekt zustimmen würden.

Die Bauern in den 3 Distrikten ließen sich von der hitzigen, zum Teil sehr polemisch geführten Debatte, nicht beeindrucken. In aller Ruhe waren sie am Wochenende in die Provinzhauptstädte marschiert, selbst der anhaltende Niesellregen konnte sie nicht davon abbringen, ihr Stimmrecht wahrzunehmen. Auf die Frage, warum sie solche Mühen auf sich nehmen, antworten sie: „Unser Herz hat uns hergeführt. Wir wollen uns gegen den Bergbau aussprechen. Die Natur ist unser einziger Reichtum, und den werden wir verteidigen. Auch wenn der Präsident uns als arme Teufel hinstellt und glaubt, nur weil wir Ponchos tragen, sind wir nicht in der Lage, die Konsequenzen dieser Projekte abzuschätzen: wir werden ihn eines besseren belehren.“

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12.06.07

Bergbauprojekt Majaz – Segen oder Fluch für Huancabamba?

Staubwolken umhüllen den schweren, allradbetriebenen Pickup-Truck, während wir durch die trockene Wüste Piuras fahren. Die geteerte Straße haben wir seit einer halben Stunde hinter uns gelassen, vor uns liegen noch gut 5 Stunden auf holpriger Piste. Die Landschaft präsentiert sich zunächst noch graugelb und trocken, je höher wir uns die Anden hinaufarbeiten, um so feuchter und grüner wird es, um so matschiger aber auch die schmale Piste und um so flauer das Gefühl in meiner Magengrube beim Anblick des steil neben uns abfallenden Hangs.

Wir sind unterwegs von Chulucanas nach Huancabamba, Hauptstadt der gleichnamigen Provinz in der Region Piura und gleichzeitig eine der ärmsten Gegenden im Norden Perus. Um nach Huancabamba zu kommen, arbeiten wir uns von knapp über Meeresniveau hinauf auf über 3000 m Höhe und fahren dann wieder hinab in ein fruchtbares Tal, auf etwa 1900 m über dem Meer. Am Wegrand liegen vereinzelte Weiler, kleine Gehöfte, ärmliche Lehmhäuser mit provisorisch zusammengezimmerten Türen. Das Tiefland Piuras ist heiß, trocken und staubig. In den Höhen der Anden ist die Vegetation üppig durch den häufigen Regen, es kann aber auch bitter kalt werden, vor allem in den Wintermonaten von Juni bis August. Das Land ist fruchtbar, aber die Leute sind arm. Meist leben sie von der Landwirtschaft, bauen Mais und Kartoffeln an, wie ihre Großväter das auch getan haben, immer das gleiche, Jahr für Jahr. Gewonheiten zu verändern ist schwer, auch wenn es noch so sinnvoll wäre...

Huancabamba ist ein Städtchen mit knapp 20.000 Einwohnern. Es mutet friedlich an, wie es da so malerisch im Talkessel unter uns liegt. Doch seit das Bergbauunternehmen Majaz S.A., eine peruanische Tochterfirma eines inzwischen in chinesischer Hand befindlichen Bergbauunternehmens, seine Explorationsarbeiten in der Gegend aufgenommen hat und dort mit dem „Projekt Rioblanco“ in den nächsten 20-30 Jahren 220.000 Tonnen Kupferessenz pro Jahr abbauen will, ist es mit dem Frieden in Huancabamba und den benachbarten Provinzen vorbei.

Durch die Bevölkerung geht ein tiefer Riss: Die einen werden mit dem Begriff „ambientalistas“ (Umweltschützer) zusammengefasst und vertreten das Lager der Minengegner. Die anderen schimpft man die „mineros“, diejenigen also, die die Mine befürworten und sich (laut ihrer Argumentation) einsetzen für Investition und Fortschritt und dafür (laut Argumentation der ambientalistas) traditionelle kulturelle Werte und die Umwelt zu opfern bereit sind. So die argumentativ sehr verkürzte schwarz-weiß-Sicht der Dinge. Die Realität hingegen ist – wie so oft – viel komplexer und läßt sich nicht in ein bis zwei plakativen Phrasen zusammenfassen....

Der Streit zwischen den zwei Lagern existiert nicht nur in den Köpfen der Menschen, er manifestiert sich auch sofort beim Blick auf die Häuserwände in der Region: das Bergbauunernehmen hat vor einigen Wochen mit einer Werbekampagne für das regional wie auch national umstrittene Megaprojekt begonnen und seine Slogans auf Häuserwände, Mauern und Schilder gepinselt: „Rioblanco – die wahre Zukunft der Region Piura“, ist dort zu lesen. „Arm bleiben oder mit dem Kupfer reich werden“ „Rioblanco – damit gewinnst Du, damit gewinnt Piura, damit gewinnt Peru“ „Rioblanco – das Beste, was die Region zu bieten hat“ „Rioblanco ist Fortschriftt – das ist die einzige Wahrheit!“ – dies nur einige der vielen Slogans, die die Häuserwände zieren.

80 Soles zahlt das Unternehmen denen, die ihre Hauswand zur Verfügung stellen, das sind 20 Euro, für viele das täglich Brot für eine ganze Woche. In einer armen Region läßt man sich das nicht so schnell entgehen... Um die notwendige soziale Lizenz der Bevölkerung in der Region zu erhalten, verteilt das Bergbauunternehmen kleine Geschenke, installiet in den armen Gehöften Herde mit Ofenrohren, die weniger Holz verbrauchen und die Hütte nicht mehr mit beißendem Rauch füllen.

Auf der anderen Seite haben Umweltschutz- organisationen, die in einer „Verteidigungsfront für die Entwicklung des Nordens“ organisierten Basis- organisationen und diverse Nichtregierungs- organisationen eine Gegenkampagne initiiert, die ihrerseits die Häuserwände mit dem Spruch „Lüg’ mich nicht an!“ plakatieren. „Die Mine greift uns an und gefährdet unsere Lebensgrundlage“. „Alles nur Lüge“ so die Antwort auf die Rio-Blanco-Lobpreisungen.

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30.01.07

Konfliktmanagement aus einem Guss

Unter Entwicklungsexperten wird viel geredet über die sogenannte „Entwicklungszusammenarbeit aus einem Guss“ – doch wenige machen sich auf den Weg, sie auch konkret anzupacken. Häufig scheitert der hehre Anspruch einer besser koordinierten Entwicklungszusammenarbeit (EZ) unter den deutschen Gebern schon an den bürokratischen Hürden der involvierten Institutionen, welche den Kooperationswilligen in der Tat eine gewisse Beharrlichkeit abverlangen. Viele Mitarbeiterinnen in deutschen oder internationalen Entwicklungshilfeinstitutionen scheuen schlicht den vermehrten Zeitaufwand, und so wird die gemeinsame Koordination von Entwicklungsvorhaben dann kurzer Hand der vermeintlichen "Effizienz" geopfert. Dass vermehrter Zeit- und Koordinationsaufwand sich jedoch durchaus lohnen kann, hat ein Projekt gezeigt, das von Oktober bis Dezember 2006 gemeinsam von DED, InWent und Misereor durchgeführt wurde.

Ziel und Inhalt des Projekts war es, verschiedene Akteure, die zu der in Peru häufig sehr konfliktiven Bergbauproblematik in verschiedenen Bergbauregionen arbeiten, in Grundsätzen und Methoden des Konfliktmanagements auszubilden, sie für die Thematik zu sensibilisieren und zur Anwendung der Instrumente zu befähigen.

InWent stellte mit seinem Fortbildungsmodul „Análisis y Manejo de Conflictos“ die Inhalte und 2 qualifizierte Trainer zur Verfügung, Das Standard-Kursmodul wurde auf die speziellen Bedürfnisse und Charakteristika dieses speziellen Teilnehmerkreises und ihrer Bergbauthematik angepaßt


Der DED lud 15 MitarbeiterInnen der Defensoría del Pueblo („Ombudsmann des Volkes“) ein. Aufgabe der Defensoría del Pueblo ist es, in eskalierenden Konflikten zwischen Staat, Bergbauunternehmen und Gesellschaft als Vermittler zu agieren und die Interessen des Volkes zu verteidigen.


Misereor lud 15 VertreterInnen von NGOs und kirchlichen Institutionen ein, die zum Thema Umwelt und Menschenrechte arbeiten und die Rechte der vom Bergbau betroffenen Bevölkerung verteidigen. Diese Organisationen leisten Aufklärungsarbeit, bieten juristische Beratung, stärken die Verhandlungskapazitäten der Bevölkerung und übersetzen schwierige technische Sachverhalte in einfache, verständliche Sprache. In den peruanischen Bergbaukonflikten werden sie von Staat und Unternehmen häufig als „Agitatoren“ oder „Umweltaktivisten“ bezeichnet.

Vor Beginn der Veranstaltung waren nur die einladenden Institutionen wirklich von dem Ansatz überzeugt, verschiedene Konfliktparteien in einem gemeinsamen Lernraum zu versammeln. Denn – so die Überzeugung - nur dieses Mischkonzept schaffte die Voraussetzung dafür, das Gelernte gleich gemeinsam auf seine Praxistauglichkeit hin zu überprüfen, es mit VertreterInnen einer anderen Sichtweise zu diskutieren und in einem geschützten Rahmen auszuprobieren.
Für einige TeilnehmerInnen des Kurses stellte dieser Ansatz zunächst eine kleine Herausforderung und zugleich die erste Lektion dar: es ist leicht, Konflikte zu managen, wenn man unter Seinesgleichen bleibt, unter Leuten, die die eigene Sichtweise teilen und bestenfalls sogar noch verstärken. Der Schritt, sich mit Vertretern einer anderen Sichtweise an den Tisch zu setzen, sich für deren Perspektive, Motive und somit für einen konstruktiven Dialog zu öffnen, kostete so manchen doch einen Moment der Überwindung.

Nach dem dreitägigen Auftaktworkshop im Oktober waren die Weichen jedoch voll auf „gemeinsames Lernen“ gestellt. Man hatte sich kennengelernt, die Hand gereicht und festgestellt, dass „die anderen“ ja eigentlich gar keine schlechten Menschen sind, dass sie eben eine andere Sicht der Dinge haben, und noch dazu eine, die immer plausibler wurde, je länger man sich austauschte... Nach dem Präsenzworkshop ging der Kurs dann in eine zweimonatige Online-Phase, in der Instrumente des Konfliktmanagements vermittelt wurden, in virtuellen Konferenzen über die Kursinhalte diskutiert wurde und die TeilnehmerInnen Gelegenheit hatten, Dokumente auszutauschen, aktuelle Fälle zu diskutieren oder einfach nur Rückfragen an den Tutor zu stellen.

Zum Abschluss der Veranstaltung fand schließlich im Dezember ein viertägiger Präsenzworkshop statt, bei dem sich die TeilnehmerInnen schon wie alte Freunde begegneten. Der Graben war überwunden, und während der 4 arbeitsintensiven Tage, in denen der Lernstoff vertieft und an 3 realen Fallbeispielen durchexerziert wurde, lösten sich die restlichen Vorurteile vollends auf.
Die offene, fröhliche und konstrutive Stimmung während dieses Seminars war sicher der beste Indikator für den Erfolg der Fortbildung. In der abschließenden Evaluierung vielen Sätze wie „Das war die beste Fortbildung seit Jahren!“, „Ich verstehe jetzt viel besser, wie der Konflikt funktioniert und wo ich ansetzen kann, um den Konflikt nicht weiter zu verschärfen“ und - last but not least - „Jetzt bin ich so weit, dass ich mich auch mit Vertretern von Bergbauunternehmen oder des Bergbauministeriums an einen Tisch setzen könnte, ohne in denen gleich den Feind zu sehen.“

Konfliktmanagement aus einem Guss – die aufwändige Koordination hat sich gelohnt – für Inwent, DED, Misereor und vor allem für die TeilnehmerInnen des Kurses!

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12.06.04

Fortsetzung...

Die manipulativen und zum Teil illegalen Praktiken des Unternehmens,
welche zu der extremen sozialen Spaltung beigetragen haben, wurden in verschiedenen unabhängigen, teils internationalen Untersuchungen, wie auch in einem Bericht des peruanischen Ombudsmann des Volkes entlarvt,.[1] Das Unternehmen hat daher auch in gemäßigten Kreisen seine Glaubwürdigkeit verspielt. Nur die peruanische Regierung hält dem Unternehmen unbeeindruckt von aller Kritik treu die Stange, weil sie die ausländischen Devisen winken sieht. Vor kurzem haben ehemalige Mitarbeiter des Unternehmens ein Communiqué verfaßt, in dem sie die ethisch nicht vertretbaren Verhaltensweisen des Unternehmens anprangern und sich explizit von diesem distanzieren. Es gab bereits diverse Entlassungen im Unternehmen. Ob sich das Vorgehen in Zukunft tatsächlich verbessert, bleibt abzuwarten.

Selbst bei eingehendem Studium der verschiedenen Argumente ist es nicht einfach, sich eine differenzierte Meinung zu dem Fall zu bilden. Sicherlich würde die Mine ein gewisses Entwicklungspotenzial für die Gegend bieten. Sie würde die Kassen der Regionalregierung sowie der Stadtverwaltungen der Provinzen füllen. Mit dem Geld könnten Straßen gebaut werden, die gerade auch den entlegenen Dorfgemeinschaften einen Zugang zu Märkten eröffnen könnten. In der Praxis ist es jedoch meist so, dass die Steuern und Abgaben, die Bergbauunternehmen an den Staat abführen, meist nur die städtischen Zentren der jeweiligen Region erreichen, nicht aber die direkt vom Bergbau betroffenen Bauern, die in kleinen Dorfgemeinschaften leben und keine große Lobby in den Regionalregierungen und Stadtverwaltungen haben. Dies läßt sich gut am Beispiel anderer Bergbauregionen in Peru beobachten. Die staatlichen Behörden, welche bislang meist mit leeren Kassen gehaushaltet haben, sind mit dem vermeintlichen Geldsegen haushoch überfordert und nicht in der Lage, aus den Bergbau-Einnahmen echte Entwicklungsprozesse zu generieren.

Über die Steuereinnahmen hinaus hofft die Liga der Minenbefürworter außerdem auf dringend benötigte Arbeitsplätze in der Region. Auch hier werden wohl eher die Städter bzw. gebildeteren peruanischen Bürger zum Zuge kommen, kaum aber die analphabeten Bauern aus dem Einzugsgebiet der Mine. Im Verhältnis zu den Umsätzen einer Mine sind die dort bereitgestellten Arbeitsplätze aufgrund des hohen Technologisierungsgrades jedoch vergleichsweise gering.

Nicht zuletzt spekuliert man auch auf die vom Bergbauunternehmen durchgeführten Sozialprojekte, welche das Unternehmen in der Tat bereits begonnen hat. Die aktuelle Motivation für die Sozialprojekte dürfte wohl eher im Eigeninteresse des Unternehmens liegen, da das Unternehmen nach peruanischem Gesetz eine „soziale Lizenz“ aufweisen muss, um mit dem Abbau der Mineralien beginnen zu können. Dennoch läßt sich nicht bestreiten, dass die durchgeführten Maßnahmen für die Bevölkerung wertvoll sind. Die Frage, ob diese Sozialprojekte auch nach der Aufnahme der Abbauarbeiten andauern, bleibt offen. Das Bergbauprojekt wird von seinen Befürwortern jedenfalls mit vielfältigen Hoffnungen belegt – realistischen wie unrealistischen.

Die Minengegner, welche im direkten Einflussgebiet der zukünftigen Mine derzeit laut einer Umfrage die Mehrheit darstellen, argumentieren, dass die Natur geschützt werden muss. Gerade in Zeiten des Klimawandels haben die natürlichen Wälder an Bedeutung gewonnen und dürfen nicht dem großflächigen Kahlschlag durch den Bergbau zum Opfer fallen. Sie plädieren für den Schutz der Flora und Fauna und der kostbaren Wasserquellgebiete. Dort, wo die Kupfermine entstehen soll, liegen die sogenannten Párramos (Nebelwälder) die Quellgebiet für zwei wichtige Flüsse und Heimat für eine Vielzahl von seltenen Pflanzen und Tieren sind. So finden sich in dieser Region die letzten Tapire und Brillenbären Perus.

Von den Flüssen hängt die Landwirtschaft in den tiefergelegenen Trockengebieten ab, sowie die Bevölkerung der umliegenden Dorfgemeinschaften. Man befürchtet durch den Bergbau eine zunehmende Wasserverschmutzung sowie das allmähliche Versiegen der Quellen. Ein schwerwiegendes Argument ist hierbei, dass neben dem geplanten Bergbauprojekt, für das Majaz die Konzession hält (6472 Hektar), in den 4 betreffenden Provinzen (Ayabaca, Huancabamba, San Ignacio und Jaén) insgesamt fast 200.000 Hektar Land für den großindustriellen Bergbau konzessioniert sind. Das bedeutet für manche Distrikte, dass laut Planung des Ministeriums für Bergbau und Energie mehr als 50% des Territoriums dem Bergbau zum Opfer fallen sollen. Im Kern dreht sich der Streit also nicht alleine um das Bergbauprojekt Majaz, sondern um einen veritablen Bergbaudistrikt, in dem sich Hoffnungen wie Befürchtungen um ein Vielfaches multiplizieren.

Die beiden Lager liefern sich seit Monaten einen erbitterten Kampf. Oftmals werden dabei auch Fäuste und Waffen eingesetzt. Das Bildungsniveau in der Region ist niedrig, die Traditionen sind archaisch und die notorische Abwesenheit des Staates hat schon vor langer Zeit dazu geführt, dass die Leute ihre Probleme auf ihre eigene Weise regeln. Die Justiz beruht hier häufiger auf Willkür und dem Recht des Stärkeren als auf transparenten Regeln und Gesetzen. Im Fall Majaz hat diese Art, Auseinander-setzungen zu regeln, bereits ein Menschenleben und viele Verletzte gekostet. Der Graben ist inzwischen so tief, dass es in Huancabamba Restaurants gibt, in denen die Minenbefürworter essen, und solche, in denen die Minengegner essen. Irrt man sich im Restaurant, drohen Anfeindungen und Pöbeleien. Auch die Busgesellschaften, welche Transporte nach Chulucanas und Piura anbieten, sind offenbar in Minengegner und –befürworter gespalten und man reist nur noch unter Gleichgesinnten.

Angesichts dieses extrem angespannten Panoramas hat die Diözese von Chulucanas mit Untestützung von Misereor ein Projekt gestartet, das zum Ziel hat, die vom Bergbau betroffenen Dorfgemeinschaften differenziert über die geplante Mine und ihre möglichen Implikationen zu informieren. Man klärt auf, ohne zu manipulieren. Man liefert Daten und Erfahrungswerte, ohne Aufzuwiegeln. Man versucht in Workshops mit Gemeindeführern, Vertretern von Basisorganisationen und Mitarbeitern der Kirchengemeinden die soziale Kluft wieder zu schließen. Bei alledem ist man sich sehr bewußt, dass jede Intervention zu einer Verschärfung des Konflikts führen kann und ermahnt deshalb zu einem gewaltfreien Diskurs.

Eine wichtige Debatte dreht sich in den Workshops mit der Bevölkerung um die Frage nach alternativen Entwicklungsmodellen. Wenn man den Bergbau (aus guten Gründen) nicht will – was dann? Welche anderen Potenziale gibt es in der Region? Wie kann man diese Potenziale nutzbar machen?

Eine reale Option bietet das von der internationalen Entwicklungszusammenarbeit geförderte Erfolgsprojekt „Cepicafé“. Die Nordanden sind eine der wichtigsten Kaffeeanbauregionen Perus, hier wird seit etwa 12 Jahren ökologischer Kaffee für den fairen Handel produziert und nach Europa und in die USA exportiert.

Auch für Zitrusfrüchte ist die Lage sehr günstig – die süßesten Mangos, die herrlichsten Limonen und saftigsten Orangen werden hier produziert. Die in bislang nur wenigen Kooperativen zusammengeschlossenen Ökobauern fürchten, dass das Bergbauprojekt ihre Produktionsgrundlagen zerstören könnte und werben nun in den betroffenen Gemeinden aktiv für eine Ausweitung der Produktion.

Eine Nachfrage existiert, was fehlt, ist die Organisation der Bauern, ihre Ausbildung in Produktion und Vermarktung, ein großangelegtes Enwicklungsprojekt.

Das von Cepicafé und anderen Akteuren propgagierte nachhaltige Entwicklungsmodell beruht auf dem Export von ökologischen Produkten sowie dem Ankurbeln des nachhaltigen Tourismus in der landschaftlich reizvollen Region mit seinem herausragenden Naturschutzgebiet Tabaconas Namballe.
Bis zur Umsetzung eines solchen alternativen Entwicklungsmodells ist es aber ein weiter Weg, und viele Campesinos sind nicht gewillt, so lange auf eine Veränderung zu warten. Sie wollen eine schnelle Lösung – und die Mine scheint diese schnelle Lösung zu bieten. Zumindest verspricht sie das großspurig auf zahlreichen Häuserwänden.

Im September wird auf Initiative der Kaffeebauern, der Umweltschützer und der organisierten Minengegner nun in den unmittelbar von dem Bergbauprojekt betroffenen Gemeinden eine Volksbefragung durchgeführt, um das Votum des Volkes einzuholen. Der amtierende Präsident Perus, Alan García, hat bereits angekündigt, dass das Ergebnis der Abstimmung vom Staat nicht als rechtlich bindend anerkannt wird. Dennoch wird der Staat eine eindeutige Mehrheit, die sich gegen das Projekt ausspricht, nicht einfach ignorieren können. In Huancabamba fiebert nun also alles dem 30. September entgegen.

Es bleibt zu hoffen, dass die Monate bis zur Volksabstimmung ohne größere gewalttägige Auseinandersetzungen verlaufen und dass die Abstimmung selbst geordnet und friedlich über die Bühne geht. Dafür, dass nach der Volksabstimmung die Gräben wieder geschlossen werden können und die Bevölkerung mit dem Ergebnis – welcher Art auch immer – versöhnt werden kann, setzen sich die Partner von Misereor ein.

Nach dem dreitägigen Besuch in Huancabamba und Umgebung steht bei der Rückfahrt nach Chulucanas ein doppelter, leuchtender Regenbogen über unserem Weg. Ich betrachte ihn als ein Zeichen der Hoffnung und des Friedens.

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