Wandern zwischen den Welten....

22.02.08

Ismary

Mit einem verzagten Lächeln öffnet Ismary die Tür zu ihrem Haus in Cajamarca. „Percy ist nicht zu Hause“, sagt sie gleich, in entschuldigendem Tonfall. Im Wohnzimmer krabbelt das jüngste der drei Kinder auf dem Boden, plappert fröhlich vor sich hin, füllt den Raum mit Leben. Trotzdem liegt eine Schwere in der Luft, eine Traurigkeit, die sich wie ein unsichtbarer Schleier über alles legt.

Ich klappe meinen Laptop auf und zeige Ismary die drei Portraits der ARTE-Reportage, die wir im Januar mit ihrem Mann Percy und zwei anderen Protagonisten in Cajamarca gedreht haben. Sie schaut sich die drei Portraits ruhig an. „Eine gute Arbeit“, sagt sie dann… „Sehr gut…. „Was wird daraus entstehen?“ Ja… eine gute Frage…! Was wird daraus entstehen? Werden Menschen in der ganzen Welt empört aufstehen und aufschreien, dass solches Unrecht nicht ungestraft bleiben darf? Werden Aktivisten Briefe schreiben? Sich beschweren? Einen Boykott ausrufen? Werden irgendwo Menschen dafür eintreten, dass sich das Selbe nicht Tausende von Malen an verschiedenen Plätzen der großen weiten Welt wiederholt? …

Es tut mir leid, Ismary gestehen zu müssen, dass als direkte Reaktion auf die Reportage gar nichts passieren wird. Die zwei Millionen Zuschauer, die das Programm vorigen Samstag in Deutschland und Frankreich gesehen haben, haben es vermutlich schon längst wieder vergessen. Ich versuche zu erklären, dass dieser Fernsehbeitrag aber Teil einer größeren Kampagne ist, einer größeren Bewegung, die für Menschenrechte und Arbeiterrechte eintritt. Meine Erklärungen wirken hilflos. Ismary nickt. Langsam. Ismary versteht. Versteht, dass das alles notwendig ist, wichtig und gut. Versteht aber auch, dass ihre konkrete Situation sich dadurch nicht verändern wird. Ihren Kampf um Gerechtigkeit, ihren Kampf um’s Überleben müssen Ismary und Percy schon alleine ausfechten.
Ihr Mann Percy ist gerade beim Anwalt der Gewerkschaft, um seine Strafanzeige gegen das Bergbauunternehmen Yanacocha weiter voranzutreiben. Er präsentiert seine ärztlichen Unterlagen, der Fall wird ausgearbeitet, wann der Prozess beginnt, ist noch nicht klar. Ob Percy eine realistische Chance hat, das mächtige Unternehmen auf Schadensersatz für seine ruinierte Gesundheit zu verklagen, ist fraglich. Ob er jemals eine Entschädigung für die hohen Quecksilberwerte in seinem Blut erhalten wird…?

Auf meine Frage, ob Percy noch in ärztlicher Behandlung ist, ob er Medikamente nimmt, schüttelt Ismary den Kopf und die Tränen schießen ihr in die Augen. „Die Ärzte hier sind alle vom Unternehmen korrumpiert. Wir müssten nach Lima oder nach Piura reisen, um wirklich eine glaubhafte Diagnose zu erhalten. Dafür haben wir nicht das Geld. Percy’s Medizin ist inzwischen aufgebraucht – für neue Medikamente ist kein Geld da. Dafür hat er neue Symptome. Weiße Flecken auf der Haut, eine Art Pigmentstörung. Ob das vom Quecksilber kommt? Oder vom psychischen Stress? Ohne Arzt wird die Frage kaum zu beantworten sein.

Vor einer Woche hat das neue Schuljahr begonnen, es müssen Schuluniformen für die beiden größeren Kinder angeschafft werden, Hefte, Bücher, Schultaschen. „Dass Bildung in Peru umsonst sein soll, ist ein Witz! Ich habe alleine diese Woche mehr als 500 Soles (150 USD) für Schulunterlagen ausgegeben!“

„In letzter Zeit ist Percy ständig gereizt“ erzählt Ismary. Er geht nachmittags aus dem Haus und kommt erst am Abend nach Hause. „Ich weiß nicht, wohin er geht, was er tut. Er sucht nach Arbeit, sagt er. Er fährt die Kinder an, ist ungeduldig, gestresst, gereizt. Die monatelange Belastung durch seine Krankheit, die Arbeitslosigkeit, die immer drängendere Frage „wovon werden wir in ein paar Wochen leben?“, das alles schafft eine immer erdrückendere Atmosphäre im Haus. „Ich versuche, ihn zu verstehen. Versuche, seine Gereiztheit zu ignorieren. Aber er zieht sich immer mehr in sich zurück, und ich komme gar nicht mehr an ihn ran. Jetzt haben wir nicht nur die Krankheit, die Arbeitslosigkeit, die finanziellen Probleme – jetzt haben wir auch noch Eheprobleme. Es ist wie in einem bösen Traum, in dem sich ein Unheil an’s nächste reiht. Doch wenn Du am Morgen aufwachst, geht der Alptraum weiter. Ich hoffe, dass Gott sich bald an uns erinnert. Wir haben nie etwas Böses getan..."

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10.02.08

Juhuu – wir kriegen ein Umweltministerium!!!

Als Perus Staatspräsident Alan García am 20.12.2007 verkündete, dass die Regierung ein Umweltministerium einrichten würde, bin ich vor Freude tanzend durch die Wohnung gehüpft und fand das für alle Umweltschützer, besorgten Bergbaukritiker und Klimawächter ein super Weihnachtsgeschenk! Wie lange hatten wir genau dafür plädiert, argumentiert, gestritten und gekämpft... Meine Mailbox quoll über von begeisterten Nachrichten von meinen von der Regierung gerne als "Ökoterroristen verunglimpften Freunden und Kollegen.

Inzwischen ist die Euphorie breiter Ernüchterung gewichen. Inzwischen wissen wir nämlich, dass Alan García nicht wirklich im Sinn hat, die Umwelt zu schützen, sondern nur einer Klausel Genüge tun will, die im Anhang des umfangreichen Freihandelsabkommens mit den USA formuliert ist. Man mag von dem Freihandelsabkommen halten, was man will, aber für die peruanische Umwelt könnte es mit all seinen Auflagen in mancherlei Hinsicht einen richtigen Fortschritt bedeuten… wenn es denn einen politischen Willen gäbe, diese Auflagen auch mit Inhalt zu füllen. Doch es gibt scheinbar nichts, was Alan García ferner liegt…

Die Konzeption zur Schaffung des Umweltministeriums soll nun in lächerlichen 20 Tagen aus dem Boden gestampft werden, unter konsequenter Nichtbeachtung aller bereits auf dem Tisch liegenden Vorschläge und Empfehlungen. Die dafür einberufene Arbeitsgruppe zeichnet sich in erster Linie dadurch aus, dass die meisten Mitglieder treue Apristas sind, das heißt, der APRA, der Partei des Präsidenten angehören. Die wenigsten bringen eine fundierte fachliche Expertise mit. Dem Leiter der Arbeitsgruppe sagt man nach, dass er sein einst sehr ausgeprägtes ökologisches Bewußtsein abgestellt habe, seit diverse Bergbauunternehmen ihm gutbezahlte Jobs verschaffen und ihn mit Geld für seine Fernsehsendung (und vermutlich nicht nur dafür) versorgen…

Ohnehin wurde bereits angekündigt, dass die aus Umweltperspektive kritischsten Themen nicht vom Umweltministerium bearbeitet werden sollen: so wurde die Umweltaufsicht für den gesamten Forstbereich vor Schaffung des Ministeriums eben mal im Landwirtschaftsministerium umgesiedelt.

Für den Fischfang soll eine eigene Institution zuständig sein und die Umweltaspekte des konfliktiven Bergbaus bleiben im Bergbauministerium, wo sie ja auch bisher angesiedelt waren (und geflissentlich unter den Tisch fielen…).

Wozu dann der ganze Aufstand, fragt man sich?
Wozu die ganzen Ausgaben, ein bürokratischer Apparat, der kaum echte Kompetenzen hat?
Um den Schein zu wahren und die Investitionen weiter anzukurbeln?
Um dem Modethema „Umwelt“ Genüge zu tun, ohne wirklich was zu verändern?
Um zu beweisen, dass Peru ein modernes Land ist, das mit seinen Ressourcen verantwortungsvoll umgeht?

Ich fürchte, meine Kollegen und ich werden noch eine ganze Weile in der Schublade der „Ökoterroristen“ stecken bleiben….

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11.09.07

Goldgräberstimmung am Cerro del Toro

Meine jüngste Reise führte mich in die Region La Libertad – zu deutsch „Die Freiheit“. Das Thema, das mich dort beschäftigen soll, verursacht aber eher Beklemmungen als Freiheitsgefühle: Ich beschäftige mich in der Stadt Huamachuco mit dem Thema des kleinhandwerkllichen Bergbaus: Hunderte von Goldgräbern schürfen am Cerro del Toro, einem Berg, der 2 Kilometer vom Stadtzentrum Huamachucos entfernt liegt, nach Gold. Wie die Maulwürfe graben sie sich immer tiefer in den Berg hinein, der inzwischen akut einsturzgefährdet ist, weil er derart ausgehöhlt wurde, dass er jeden Moment abrutschen kann. Die Tunnel führen bis zu 200 m tief in den Berg hinein, und nur in den seltensten Fällen sind sie auch nur provisorisch abgestützt. Mehrere Minenarbeiter kamen in einstürzenden Tunneln um’s Leben, häufig arbeiten Kinder in den Stollen und holen das Gestein aus dem Berginneren.
Die Konzentration des Goldes liegt bei 2-3 Gramm pro Tonne Gestein. Ausgewaschen wird das Gold – genau wie im großindustriellen Bergbau – mit der hochgiftigen Chemikalie Zyanid. Diese bindet den feinen Goldstaub und löst ihn aus dem Gestein bzw der Erde heraus. Das Gold klumpt zusammen, zurück bleibt eine toxische Brühe aus Wasser und Zyanid und das vergiftete Erdmaterial. In rustikalen Becken, die in den Berg gegraben und mit einer dünnen, blauen Plastikfolie ausgelegt sind, wird dieser chemische Prozess unter freiem Himmel vollzogen.
Zwischen 300 bis 400 solcher Becken soll es auf dem Cerro del Toro geben, allerdings sind diese Angaben nicht bestätigt, weil die Bergbauern den Zugang zum Berg verweigern. Die Zyanidbrühe wird mit dem Regen in die Flüsse und auf die Felder geschwemmt. Das Wasser des nahegelegene Toro-Fluss ist mit Schwermetallen und giftigen Stoffen durchsetzt und wurde inzwischen als ungeeignet für den Konsum durch Mensch und Tier erklärt. In Ermangelung anderer Alternativen und aufgrund der mangelnden Aufklärung über Gesundheitsrisiken decken die Dorfgemeinschaften weiter flussabwärts ihren Wasserbedarf nach wie vor aus dem Fluss. Erkrankungen von Mensch und Tier sind die Folge.

Als Antwort auf den wachsenden Druck von Seiten der Bevölkerung und einiger Behörden haben die Goldschürfer ein privates Sicherheitsunternehmen mit der Absperrung des Berges beauftragt. Das Unternehmen hat bewaffnetes Personal an allen Zugängen positioniert und weder der Staat noch Medien konnten sich in den zurückliegenden Monaten Zugang zum Berg verschaffen.

Nach Angaben der Umweltabteilung der Stadtverwaltung von Huamachuco werden am Cerro del Toro monatlich 3-4 Tonnen Zyanid für die Goldgewinnung „verarbeitet“.

Ein Filtersystem, Umweltschutzmaßnahmen oder eine staatliche Aufsicht gibt es nicht. Keine Umweltverträglichkeitsstudie, keine Steuerzahlungen – die ganze Aktivität ist hochgradig illegal, doch da angeblich der Regionalpräsident von La Libertad sowie andere hohe Funktionäre selbst in die illegalen Goldschürfereien am Cerro del Toro involviert sind, verlaufen Anzeigen und Notstandserklärungen im Sande.

Der anhaltend hohe Goldpreis von ca. 680 USD pro Unze Gold macht den Goldabbau nicht nur für die großen, internationalen Unternehmen, sondern auch für kleine Goldschürfer zu einem lukrativen Geschäft. Viele Goldschürfer wissen nicht, welchen gesundheitlichen Schädigungen sie sich mit ihrer Aktivität aussetzen. Die meisten der Goldschürfer am Cerro del Toro sind ohnehin nicht die Eigentümer der Konzession, sondern Arbeiter, die nur einen Bruchteil dessen verdienen, was sie unter Einsatz ihres Lebens für ihre Arbeitgeber produzieren. Doch ein schlechter Job ist besser als kein Job. Und Menschen ohne Job gibt es in Peru mehr als genug....

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13.06.07

Klimawandel in aller Munde...

In der Tür des Versammlungssaals der Stadtverwaltung von Piura drängen sich dicht an dicht die Menschen, dunkelhaarige Köpfe blicken Richtung Podium. Aus dem Saal dringt die Stimme des Referenten. Ich bahne mir einen Weg durch die Menge, hinein in den Saal, der bis auf den letzten Sitzplatz voll belegt ist. An die Wände gelehnt stehen Männer, Frauen, Kinder in ihren Schuluniformen. Das Thema der Veranstaltung, die so viele Menschen anzieht, lautet „Der Klimawandel und seine Auswirkungen auf unsere Region“. Mit so einem regen Besucherstrom hatte die Diakonie für Gerechtigkeit und Frieden, eine Einrichtung der katholischen Kirche in Piura und Partnerorganisation von Misereor, nicht gerechnet. Ich finde ein Plätzchen an der Wand, von wo aus ich halbwegs freie Sicht auf die Leinwand habe, auf der Ing. Gustavo Cajusol, Vertreter der unabhängigen Behörde für Wassermanagement Chira Piura gerade seinen Vortrag visualisiert:

Die Auswirkungen des Klimawandels sind in der Region Piura keine Zukunftsmusik: Innerhalb von nur 15 Jahren gab es zwei katastrophale El-Niño-Phänomene: das erste 1982/83 und das zweite 1997/98. El Niño tritt in den peruanischen Sommermonaten zwischen Dezember und März auf und bedeutet, dass es aufgrund einer außergewöhnlichen Erwärmung der Meeresströme vor der Küste Perus zu starken Regenfällen und damit zu heftigen Überschwemmungen im Norden Perus kommt. Während des Niño multipliziert sich die Niederschlagsmenge um ein 10-50faches des normalen Niederschlags. Im Norden des Landes produziert El Niño Erdrutsche und verstärkt die Bodenerosion. Häufig kommt es zu Epidemien aufgrund des stark verunreinigten Wassers.

Im Süden Perus bleibt während des Niño-Phänomens der Regen häufig ganz aus und es herrscht Dürre.

Laut Statistik trat das El-Niño-Phänomen nur alle 50-100 Jahre auf. Ingenieur Cajusol erklärt, dass die El-Niño-Phänomene durch die weltweit ansteigenden Temperaturen in Zukunft häufiger auftreten werden und Peru deshalb vom Klimawandel besonders betroffen sein wird. Überschwemmungen und Dürren werden jeweils deutlich stärker ausgeprägt sein.

Die Dramatik der Situation hat die Sensibilität für das Thema offenbar geschärft. Neben den Bauern und Kleinproduzenten von Piura sind auch die Regionalregierung und andere Behörden sowie zivilgesellschaftliche Institutionen bei der Veranstaltung vertreten.

Die Verfügbarkeit von Wasser, im trockenen Wüstenstreifen der peruanischen Küste schon von jeher ein sehr knappes Gut, wächst durch den Klimawandel zunächst trügerischerweise an, weil die Gletscher mit rasender Geschwindigkeit abschmelzen. 22% der gesamten Gletscheroberfläche sind in den letzten 35 Jahren bereits abgeschmlozen, dies entspricht dem Wasserverbrauch der 9-Millionen-Stadt Lima von 10 Jahren. Nach aktuellen Berechnungen werden bis zum Jahr 2015 die gesamten peruanischen Gletscher unterhalb von 5.000 m. ü. NN verschwinden. An der peruanischen Küste lebt der Großteil der Peruaner – in der Hauptstadt Lima, die ein Drittel der Gesamtbevölkerung Perus beherbergt, und weiter in den Städten entlang der Küste: Chiclayo, Chimbote, Trujillo, Tumbes u.a. Das Küstengebiet ist für die Auswirkungen des Klimawandels besonders anfällig. Wasser ist hier schon jetzt ein Problem – die Szenarien für die Zukunft sind besorgniserregend.

Der Klimawandel hat vor allem zwei Ursachen: zum einen wird durch das Verbrennen fossiler Brennstoffe wie Kohle, Benzin, Holz etc. Kohlendioxid freigesetzt, das für den Treibhauseffekt verantwortlich ist. Zum anderen – und hier spielt Peru eine besondere Rolle – werden die Kapazitäten zur Umwandlung von CO2 in Sauerstoff durch den massiven und schnell voranschreitenden Abholzungsprozess weltweit kontinuierlich reduziert. Der Amazonas, der größte zusammenhängende Regenwald der Welt, stellt ein Drittel der Fläche Perus dar. Doch der Holzeinschlag ist enorm – pro 60 Minuten wird dort die Fläche von 43 Fußballfeldern abgeholzt. Täglich, stündlich. Somit ist Peru trotz geringer Industrialisierung und vergleichsweise wenig Ausstoß von Abgasen ein wichtiger Mitverursacher des Treibhauseffekts.

Die Tatsachen liegen auf dem Tisch – eine Veränderung herbeizuführen ist schwierig. Die Ursachen für diese massive Abholzung sind komplex, und letztlich handelt es sich nicht selten sogar um legitime, nachvollziehbare Interessen, die zu diesem in der Summe völlig unlegitimen Raubbau an der Natur führen.

Dass sich in Piura so viele Menschen für das Thema Klimawandel interessieren, hängt nicht zuletzt auch mit einem derzeit viel diskutierten Bergbauprojekt zusammen, das in der Region für Konflikte sorgt: eines der größten Kupferbergbauvorhaben Perus, das „Projekt Rioblanco“, soll hier in den nächsten Jahren implementiert werden. Ist die erste Mine erst einmal eröffnet, werden weitere Minenprojekte folgen. Insgesamt sind in nur 4 Provinzen der Region Piura ca. 200.000 ha Land für den Bergbau konzessioniert, in manchen Distrikten beanspruchen die Bergbau-Konzessionen mehr als die Hälfte des Territoriums. Verschiedene transnationale Bergbaukonzerne stehen bereits in den Startlöchern, um die wertvollen Mineralien abzubauen.

Dort, wo das Rioblanco-Projekt entstehen soll, liegt gleichzeitig einer der letzten Nebelwälder Perus (Páramos), Quellgebiet für mehrere Flüsse, die zum Teil nach Osten hin in den Amazonas münden und den gesamten Kontinent überqueren oder nach Westen hin in den Pazifik fließen. In dem aus biologischer Sicht hochsensiblen Gebiet leben Tapire, die letzten Brillenbären und eine ganze Reihe anderer seltener Tierarten. Der World Wildlife Fund (WWF) hat eine Studie erstellt, in der er die Fragilität des Ökosystems untersucht und zu dem Schluss kommt, dass die gesamte Zone aufgrund ihrer reichen Flora und Fauna und der Vulnerabilität dieser Biodiversität unter Naturschutz gestellt werden sollte.

Die Verbindung von Bergbau und Klimawandel wurde bisher selten hergestellt. In der Veranstaltung aber wird der Zusammenhang vom Publikum sofort erkannt. Die meisten Fragen aus dem Publikum richten sich daher auch auf das geplante Bergbauprojekt Rioblanco. Bedeutet die Ausbeutung der Kupfervorkommen nicht zunächst einmal das Abschälen der Waldbestände und große Erdbewegungen? Kann das tatsächlich jemals wieder aufgeforstet werden, wie das Unternehmen großspurig verspricht? Wenn die Wasserquellen erst einmal versiegt sind – kann man sie jemals wieder zum Leben erwecken? Wissenschaftler sind sich einig, dass das nicht möglich ist. Deshalb wäre ein einzelnes Bergbauprojekt in der Region, schon eine Sünde. Ein ganzer Bergbaudistrikt, wie er auf den Plänen des Bergbauministeriums bereits existiert, wäre das Ende eines Naturparadieses.

Das Publikum fragt auch: Was bedeutet das Bergbauprojekt für die Kooperativen, die an Hängen der Anden ökologischen Café, Mangos, Limonen und Zucker für den Export produzieren? Ihr Erfolg widerspricht der Ansicht, dass es in der Region keine besseren Alternativen als den Bergbau gibt. Die Region hat Potenzial für nachhaltigere Entwicklungsmodelle als den Kahlschlag, den der Bergbau bedeutet. Nach Auskunft des Präsidenten der Produktionskooperative Cepicafe, Luis Loja, kann die Nachfrage nach Öko-Kaffee aus der Region von den derzeitigen Produzenten nicht gedeckt werden. Derzeit sucht Cepicafé aktiv nach neuen Produzenten, die sich ihrem Entwicklungsmodell anschließen!

Auch die Referenten auf der Veranstaltung der Diakonie für Gerechtigkeit und Frieden plädieren für ein Umschwenken und Umdenken Richtung nachhaltige Entwicklungsstrategien auf ökologischer, ökonomischer, sozialer und politischer Ebene. Der Biologe Luis Albán vom Proyecto Páramo Andino fordert den Erhalt der Biodiversität und eine nachhaltige Nutzung von Ressourcen und Ökosystemen. Eine vernünftige Raumplanung, die in Peru bisher nur in ganz wenigen Zonen existiert, ist dafür so unerläßlich wie die Priorisierung von ökologischen Ressourcen vor ökonomischen Ressourcen in spezifischen Gebieten. Umwelt- und damit Klimaschutz muss auf die politische Agenda gesetzt werden und als Querschnittstheme in allen Sektoren verankert werden. Lokale und regionale Regierungen müssen aktiv in die Verantwortung einbezogen werden. Dahin ist es in Peru noch ein langer Weg. Obwohl es auf dem Papier diverse Vorschläge für nationale und regionale Strategien zur Anpassung an den Klimawandel gibt sowie konkrete Ideen, wie die Bevölkerung für das Thema sensibilisiert werden kann, scheitert die Umsetzung bisher vor alllem am fehlenden politischen Willen, sich des Themas wirklich anzunehmen. Die bestehende Umweltgesetzgebung fällt bei der praktischen Umsetzung nicht selten anderen Prioritäten zum Opfer. Ein Umweltministerium gibt es nicht, der Schutz der Umwelt ist bisher eine nachgeordnete Aufgabe der verschiedenen Ministerien.

Die Länder des Nordens und internationale Institutionen wie Weltbank und IWF sind mit ihren Schuldenforderungen an Peru und den vorgeschlagenen Programmen zur Wirtschaftsförderung nicht unschuldig an dieser einseitigen Prioritätensetzung. Eine nachhaltige globale Entwicklung muss vom Norden genauso mitgetragen werden wie vom Süden. Dabei müssen systemische Wechselwirkungen in den Blick genommen werden. Unternehmen aus dem Norden müssen dafür ebenso Verantwortung übernehmen wie die Regierung und Bevölkerung Perus.

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A propos Klimawandel !!!

Lima ist bekanntermaßen die Hauptstadt Perus
Und Peru liegt in Südamerika
Das Nachbarland im Norden heißt Ecuador, weil der Äquator durch das Land läuft
Peru ist folglich nicht weit vom Äquator entfernt
Es liegt exakt hier: 77º 03' W 12º 03' S

In den Wintermonaten von Mai bis Oktober legt sich eine dicke Nebeldecke über Peru und taucht die Stadt in greuliches Grau. Nur selten mal erlaubt sie einem Sonnenstrahl, sich den Weg in die Straßen und Plätze von Lima zu bahnen. Während es im Norden des Landes zur gleichen Zeit angenehm warm bis schweißtreibend heiß ist, klappern wir in Lima unter dieser feucht-kalten, grauen Nebelschicht mit den Zähnen.

Kein Mensch versteht, warum die Spanier damals, im 15. Jahrhundert, ausgerechnet dieses Nebelloch als Sitz für ihr Vizekönigreich ausgewählt haben??!!?? Noch heute verfluchen knapp 9 Millionen Limeños sie dafür!!!!

Derzeit sinken die Temperaturen auf 13 Grad – das sind gefühlte 7 Grad, maximal. In normalen Wintern sind es mal 16 oder 15 Grad. Dieses Jahr ist es (noch!) kälter als sonst :-((((

Zentralheizung gibt es hier nicht, ich improvisiere also mit einem mobilen Gasofen, Wärmeflasche, dicken Fleecepullis...hin und wieder finde ich vor einem befreundeten Kamin Asyl.

Mein treuer Freund, der Luftentfeuchter, der natürlich nie wirklich ganz Herr der Lage wird, weil die Fenster nicht dicht sind und durch alle Ritzen das feuchte Kalt reinkriecht, schaffte es heute, der Luft in meinem Wohnzimmer in einer Stunde 1,5 Liter Wasser zu entziehen! REKORD!!! Hurra .... :-(((

Also bei allem Ärger über den Klimawandel – wenn sich das hier mal ändern würde, wäre - glaube ich - niemand so richtig traurig drüber...

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18.12.06

Yaki, 23, Radiosprecherin

An diesem Sonntag lerne ich Yaki von einer anderen Seite kennen. Wieder treffen wir uns in San Juan de Lurigancho an einer Straßenecke, doch statt im zerfetzten T-Shirt steht da eine Yaki in weißer Bluse, mit sauberen Jeans und weißen Söckchen. Ich freue mich über das Wiedersehen und bin gespannt, denn heute lerne ich Yaki’s neue Nebentätigkeit kennen: im lokalen Radiosender „Planicie“ wird sie zusammen mit ein paar Leuten aus der Vereinigung der Müllsammler ein einstündiges Radioprogramm gestalten.

Die Themen reichen von der Brandgefahr an Weihnachten über den Aufruf an die Bürger des Stadtteils, sich an den Prozessen zur Bürgerbeteiligung und zur gemeinsamen Entscheidung über den städtischen Haushalt zu beteiligen. Weiter geht es mit dem Thema Bildung – die Lehrergewerkschaft in Peru weigert sich, die Lehrer einem Qualitätstest zu unterziehen. Yaki und ihre Kollegen erklären Hintergründe und fordern von ihren Mitbürgern, sich öffentlich zu diesen für das Land wichtigen Ereignissen zu äußern – durch Anrufe beim Radio, durch Leserbriefe an die Zeitung, durch Teilnahme an den Runden Tischen zur Bürgerbeteiligung, die es in allen Stadtteilen gibt, seit 2002 ein Dezentralisierungs- und Demokratisierungsprozess in Peru in Gang gesetzt wurde. Spontan werde ich in’s Programm integriert und zu meiner Meinung über die Bedeutung dieser Prozesse befragt. Ich unterstreiche natürlich die Wichtigkeit dieser Partizipationsräume und fordere die Bürger auf, ihre Rechten und Pflichten umzusetzen, im Sinne einer starken und partizipativen Demokratie!

Beim letzten Tagesordnungspunkt geht es um das Recht auf eine menschenwürdige Behausung und die Forderungen der lokalen Basisorganisationen zur Umsetzung dieses Rechts.

Zwischendrin gibt’s ein paar Werbespots und Musik. Ruckzuck ist die Stunde um und Yaki glüht vor Stolz, als ich ihr zum Abschluss zu dem gelungenen Radioprogramm gratuliere. Da sitzt eine ganz andere junge Frau vor mir, als die Müllsammlerin vor zwei Wochen... und ich freue mich, dass Yaki über unsere Partnerorganisation CENCA die Möglichkeit hat, solche Erfahrungen zu machen.... Ich bin mir sicher, dass diese junge, engagierte und intelligente Frau ihren Weg finden wird, trotz aller Steine und Müllberge, die es da schon zu überwinden galt...

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02.12.06

Yaki, 23, Müllsammlerin

Lima, Freitag morgen, 4:30 Uhr. Mein Wecker klingelt und reißt mich aus dem Tiefschlaf. Schlaftrunken taste ich nach dem Lichtschalter - es ist stockdunkel, nur ein paar Vögel kündigen an, dass der Tag nicht mehr fern ist. „Was für eine bescheuerte Idee...“, denke ich, und schäle mich widerwillig aus dem warmen Bett. Nur schnell eine Katzenwäsche, anziehen, ein Becher Saft, Müsliriegel eingesteckt. Um 5 Uhr klingelt der Taxifahrer. Los geht’s in eine der größten Armensiedlungen Limas – nach San Juan de Lurigancho.

Dort treffe ich im frühen Morgengrauen Yaki. Sie erwartet mich in ihrer Arbeitskluft: dreckige Turnschuhe, eine alte Jogginghose, ein vor Dreck strotzendes T-Shirt, ein Handschuh, auf dem Kopf eine Mütze mit der Aufschrift „Vereinigung der Müllsortierer von San Juan de Lurigancho“. Über ihrer Schulter ein großer Plastiksack. Yaki ist 23 Jahre alt. Seit ihrem fünften Lebensjahr arbeitet sie als Müllsammlerin.

Wir treffen uns an einer großen Kreuzung. Sie weist die Straße hinauf: dieser Straßenzug ist ihrer. Alle kennen sie hier, viele der anderen Müllsortierer respektieren, dass die 15 Häuserblocks bis zur nächsten Kreuzung ihre Zone sind, in der sie den Müll auf verwertbares Material durchwühlt. Diesen Respekt hat sie sich über viele Jahre mühsam erkämpft. Trotzdem passiert es immer wieder, dass sich andere „Recicladores“, wie sie hier in Peru heißen, in ihr Gebiet schleichen und ihr den Müll vor der Nase wegschnappen. Die Konkurrenz ist groß...

Yaki erledigt ihre Arbeit konzentriert und schnell: geübt tastet sie die zugeknoteten Müllbeutel ab, die von den Bewohnern der Straße am Abend oder am frühen Morgen auf die Straße gestellt werden. Wo immer ihre Hände einen vielversprechenden Widerstand ertasten, reißt sie den Beutel auf und durchwühlt den stinkenden Inhalt nach brauchbarem Material. So zerrt sie Pappe, Papierfetzen, Glas, Plastik, Dosen, Kabel und anderen Hausrat aus den Tüten.

Während Yaki sich die Straße hinauf durch die verschiedenen Tüten wühlt, beginnt es Tag zu werden in San Juan de Lurigancho. Die Straßen beleben sich, Kleinbusse und Taxis fahren hupend an uns vorbei. Die Kassierer in den Bussen pfeifen, rufen uns dumme Bemerkungen zu, anzügliche Sprüche. Für Yaki ist das normal – sie hat sich angewöhnt, nicht mehr auf die Provokationen zu reagieren. Das bringt ja nichts...

Etwas später kommt Yaki’s Mutter mit dem Lastenfahrrad um die Ecke geradelt. Sie packt die bereits von Yaki gefüllten Säcke auf die Ladefläche. Dort sitzt die kleine Noemí, 6 Jahre alt, zwischen den Müllsäcken und kaut an einem trockenen Brötchen. Auf meine Frage, ob das Yaki’s Schwester sei, lacht die Mutter. „Nein, die Kleine lebt bei uns. Als sie zwei Jahre alt war, hat ihre Mutter sie bei uns gelassen. Sie konnte nicht mehr für sie sorgen, also ist sie bei uns.“ Noemí schaut mich mißtrauisch an. Sie erlebt selten, dass Fremde ihr mit Freundlichkeit und einem Lachen begegnen...

Jeden Tag um Punkt Sieben kommt das große, grüne Müllauto der Stadtverwaltung in Yaki's Straße und sammelt den Müll ein. Die Beziehungen zwischen den Müllsammlern und der Stadtverwaltung sind lausig. Die Stadtverwaltung versucht mit allen Mitteln, die Müllsammler zu verscheuchen, weil diese die Säcke und Beutel aufreißen und den ganzen Inhalt auf der Straße verstreuen. So ist es für die Angestellten der Müllabfuhr eine Heidenarbeit, den stinkenden Dreck wieder einzusammeln.

Yaki hat einen Deal mit den Leuten von der Müllabfuhr ausgehandelt: Sie hilft den Leuten von der Müllabfuhr, den Abfall auf den LKW zu verfrachten und hat dafür das große Privileg, alles, was an brauchbarem Material noch zum Vorschein kommt, in ihren Sack zu packen. Viele der Nachbarn bringen ihre Tüten direkt zur Müllabfuhr, um zu vermeiden, dass der Müll auf der Straße landet. Yaki nimmt die Tüten in Empfang, untersucht sie auf recyclebare Stoffe und wirft denn Rest in den Schlund des LKWs. Mit Schaufel und Rechen hilft sie den Müllarbeitern, den Dreck auf der Straße zusammenzukratzen. So hat sie sich deren Unterstützung versichert. Manchmal legen sie sogar große Pappstücke für Yaki zur Seite, weil sie wissen, dass diese besonders wertvoll sind.

Yaki's Vater hat die Familie verlassen, als die beiden Kinder noch ganz klein waren, und die Mutter hat in ihrer Verzweiflung angefangen, Müll zu sortieren. Ein hartes, dreckiges, nicht gerade lukratives Geschäft. Aber es hat gereicht, die zwei intelligenten Kinder durch die Schule zu bringen. Yaki's Bruder Yoel besucht inzwischen sogar die staatliche Universität. Die Mutter hat immer großen Wert darauf gelegt, ihre Kinder zu rechtschaffenen und anständigen Menschen zu erziehen, und das ist ihr gelungen. Für Yoel's Studiengebühren legen nun alle zusammen, auch Yoel selbst:hilft nach wir vor mit. Jeden morgenvon vier bis acht und abends von sechs bis zwölf wird Mülll gesammelt. In den Stunden dazwischen wird gelernt. Yaki versucht neben der Arbeit ebenfalls ein Studium zu absolvieren, aber das Wichtigste ist jetzt zunächst mal, dass Yoel sein Studium so schnell wie möglich fertig kriegt, Arbeit findet, die Familie dann mit seinem Geld unterstützen kann.

An das frühe Aufstehen, den Gestank, den Dreck und den schmerzenden Rücken hat Yaki sich längst gewöhnt. An die Beschimpfungen ihrer Mitschüler, der Nachbarn und der Leute am Straßenrand wird sie sich wohl nie gewöhnen. Wenn sie ihr zurufen „Friss doch den Müll!“, sie bespucken oder mit Müll bewerfen, trifft sie das im Innersten und eine tiefe Traurigkeit spricht aus den Augen dieser jungen und gleichzeitig doch so alt und abgehärmt wirkenden Frau.

Auf meine Frage, ob sie einen Freund habe, schaut Yaki nur auf ihre zerschundenen, zerkratzten und schmutzigen Hände und schüttelt verlegen mit dem Kopf. Wer will schon mit einer Müllsortiererin zusammen sein, in deren Hände sich der Dreck und die schwarzen Ränder schon seit frühester Kindheit eingegraben haben?

Auch in der Schule hatte sie nie Freunde. Sie geht nie aus, dafür hat sie weder Zeit noch Geld.... Die Familie hat so gut wie nie Gäste zu Hause – nur eine Tante aus Ayacucho kommt hin und wieder zu Besuch, alle anderen Vewandten wissen nicht, womit Marie, Yaki und Yoel ihren Lebensunterhalt verdienen. Es ist ein Tabu, mit dem sie zu leben gelernt haben.

Der größte Teil des Hauses dient der Müllsortiererei, nur zwei Zimmer werden von der Familie bewohnt, in dem größten Raum und im Hinterhof stapelt sich säckeweise der Müll. Jeden Samstag laden sie die Säcke auf das Lastendreirad und verkaufen den sortieren Abfall an die Händler. Pro Monat bringt das der Familie im Durchschnitt 800 Soles ein – das sind ungefähr 280 Soles.
Eine Weile hatte Yaki in einer Fabrik gearbeitet, 12 Stunden am Tag, 6 Tage die Woche, für 480 Soles im Monat. Nach zwei Monaten ist sie zu ihrem alten Geschäft zurückgekehrt. Das ist zwar nicht so sauber, und eine Krankenversicherung hat sie auch nicht, aber so kann sie in den Stunden zwischen der Müllsammlerei, das heißt zwischen 10 Uhr und 18 Uhr, anderen Tätigkeiten nachgehen. Studieren. Lernen. Versuchen, ihrem Leben eine andere Wendung zu geben.

Seit einigen Monaten gehören Yaki und ihre Mutter der Vereinigung der Müllsortierer von San Juan de Lurigancho an. Dieser Zusammeschluss wurde vom Zentrum für Städtische Entwicklung (CENCA) ins Leben gerufen. Das Ziel der Vereinigung ist es, die einzelnen Müllsortierer zu organisieren und so ihre Verhandlungsposition mit der Stadtverwaltung zu stärken. In Kürze wollen sie der neu gewählten Stadtverwaltung ihren Vorschlag für ein Kooperationsabkommen vorstellen. Den Vorschlag haben sie mit Hilfe von CENCA ausgearbeitet und er sieht vor, dass die in der Vereinigung organisierten Müllsortierer – wie Yaki – den Arbeitern der städtischen Müllabfuhr beim Aufsammeln des Mülls helfen und dafür ungehindert arbeiten dürfen. Außerdem schlägt die Vereinigung mittelfristig ein System zur Mülltrennung vor, um organischen Müll von nicht-organischem Müll zu trennen. Die Müllsortierer würden dann nur noch den unorganischen Müll auf brauchbares Material durchsuchen, was den Dreck auf den Straßen erheblich reduzieren würde. Den organischen Abfall könnte man außerdem kompostieren und verkaufen.

Bei CENCA hat Yaki gelernt, dass die Stadtverwaltung nicht nur „der Feind“ ist, sondern eine öffentliche Institution, die allen Bürgern offensteht. „Früher wäre ich niemals auf die Idee gekommen, in’s Rathaus zu gehen, um mit den Beamten dort zu sprechen. Jetzt gehe ich hin und spreche mit den Funktionären, die mit den Müllthemen betraut sind.Ich verhandle mit ihnen und stelle ihnen unsere Vorschläge vor.“ Noch ist keine Vereinbarung unterzeichnet worden, aber mit der Unterstützung von CENCA und im Verbund mit den 70 anderen Müllsortierern der Vereinigung hofft Yaki, dass sie in Zukunft bessere Arbeitsbedingungen haben wird.

Seit 4 Monaten ist Yaki auch Mitglied beim lokalen Radio von San Juan de Lurigancho. Über CENCA kam sie zum Radio-Team und moderiert dort nun wöchentlich eine Sendung zu Umweltthemen. „Das Radio hat mir geholfen, meine Arbeit mit anderen Augen zu sehen und mit mehr Selbstbewußtsein zu verteidigen. Was wir hier tun ist eine wichtige Aufgabe für die Stadt, für die Gesellschaft. Ich kenne mich aus mit Müll und ich weiß, dass wir in Peru noch viel zu lernen haben in Bezug auf Umweltschutz und Recycling. Im Radio kann ich über meine Arbeit reden und den Leuten zeigen, dass unser Job wichtig ist!“

Ich bewundere Yaki dafür, dass sie unter des Last ihres Lebens nicht längst schon zusammengebrochen ist. Dass sie weiter lebt, weiter kämpft, weiter hofft. Dass sie mir die Hand schüttelt, lachen kann, sich freuen kann, weinen kann. Dass sie bei alledem nicht abgestumpft ist oder zur Amokläuferin mutiert, in dieser so verdammt ungerechten Dreckswelt...

Als ich ein paar Stunden später wieder zu Hause bin, in meiner freundlichen, sauberen und geräumigen Wohnung, fühle ich mich mal wieder wie nach einem Ausflug auf einen anderen Planeten. Das Schicksal von Yaki und ihrer Familie hat sich tief in mein Herz eingegraben und eine ohnmächtige Wut erfasst mich... Was ist das für eine Welt, in der wir hier leben? Warum ist das Schicksal so grausam zu manchen Menschen? Und was habe ich für ein unsagbares Glück gehabt, in anderen Umständen aufzuwachsen... Ich fühle mich auf unglaubliche Weise privilegiert, unsagbar reich und verwöhnt und vom Leben mit einer Riesenladung Glück gesegnet.

Meine Einladung zum Cocktail-Empfang in der Deutschen Botschaft an diesem Abend lasse ich sausen. Die Vorstellung, nach diesem Tag bei Häppchen und Sekt gepflegt über die Ziele und Inhalte der Deutschen Entwicklungszusammenarbeit zu plaudern, kommt mir zutiefst grotesk vor. Statt dessen lade ich eine Freundin ein, erzähle ihr von meinem Tag und leere mit ihr eine Flasche Wein... nach so einer Erfahrung wie der von heute erscheint mir das die einzige geeignete Maßnahme, mit der Schizophrenie der Welt zurechtzukommen...

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06.10.05

Nicht viel "Ur" und auch nicht mehr viel Wald....


Donnerstag Abend, ich bin vor zwei Stunden aus dem Flugzeug gestiegen, habe mich mit dem Taxi den immer wieder auf’s Neue irgendwie sehr wenig einladend wirkenden Weg vom Flughafen zu meiner Wohnung kutschieren lassen, die Reisetasche in die Ecke gestellt, mir zur Feier des Abends ein Glas leckeren Rotwein eingegossen... und mich an den Computer gesetzt! Zu Hause. Wie schön! Ich bin zurück im chaotischen Lima, dieser Stadt, die sich dem Ankommenden so unglaublich abweisend präsentiert und die doch meine Heimat ist, zumindest im Moment....

Die ersten Stunden nach einer Reise sind immer die besten, um die Eindrücke der letzten Tage nochmal Revue passieren zu lassen, um im Geiste nochmal zurückzufliegen in den peruanischen Urwald, um die vielen Begegnungen noch einmal vor dem inneren Auge vorbeiziehen zu lassen. Denn während die Seele sich erst noch ihren Weg nach Lima bahnen muss und irgendwo zwischen dem heißen, subtropischen Tarapoto und dem nach wie vor neblig-grauen Lima herumfliegt, während ich nicht mehr ganz dort aber auch noch nicht wirklich hier bin, sind die Erinnerungen noch lebendig, die Farben leuchten noch, ich habe die Gerüche noch in der Nase, die Geräusche klingen noch nach, auch die Gespräche sind noch präsent und es hat sich noch kein Alltag zwischen diese vielen, eindrücklichen Bilder und Gespräche gelegt.... es drängt mich in diesen Momenten immer sehr, etwas von meinen Gedanken zu Papier – oder besser gesagt zu Computer – zu bringen.... ein Impuls, dem ich folge, so oft ich kann, denn er hilft mir, mich zu erden, hilft mir beim Ankommen und läßt mich noch für eine Weile vergessen, dass ich wieder alleine bin in meiner Wohnung in Lima.

Meine soeben beendete Reise hat mich in den peruanischen „Urwald“ geführt, genauer gesagt nach Yurimaguas und Moyobamba, beides mittelgroße Städte in der Region San Martin, in einer Landschaft, die sich malerisch „Augenbraue des Urwalds“ nennt. Es handelt sich um die Osthänge der Anden, die regenreich und tropisch warm sind und an denen sich grüne Wälder Richtung Amazonasbecken erstrecken. Die Städte dort sind lebendig, quirrlig, laut. Die Menschen sehen anders aus als in Lima, und erst recht anders als im Hochland der Anden. Als ich in Tarapoto aus dem Flugzeug steige, fühle ich mich mit einem Schlag nach Afrika versetzt – der Duft von feuchter, warmer Erde, die heiße Sonne, die von Blütenduft, Früchten und Holzfeuer schwere Luft schlagen mir entgegen und ich bin ganz benommen von den vielen Sinneseindrücken. Mein Kollege Juan lacht, ich sei wohl nach der stinkenden Abgasluft Limas nun ganz „besoffen vom vielen Sauerstoff“ – und ich glaube, er hat recht!

Dies ist meine erste Reise in die peruanische Selva – die Bezeichnung „Urwald“ allerdings hat ihre Berechtigung längst schon verloren, wie ich in den nächsten Tagen immer und immer wieder sehen und hören werde. Von UR... ist hier nicht mehr viel zu spüren, wenngleich zum Glück noch etwas Wald zurückgeblieben ist. Die „Augenbraue“ des Urwalds hat in den letzten 20 Jahren eine heftige Rasur erlitten und gleicht inzwischen an vielen Stellen nurmehr einem Stoppelfeld. Grund für den radikalen Kahlschlag sind neben den massiv vordringenden, internationalen Holzkonzernen auch die in Heerscharen und wie Heuschrecken über das Land herfallende Kleinbauern, die den Wald als unerschöpfliche Quelle betrachten und rausholen, was rauszuholen geht. Sie kommen aus den kargen Höhen der Anden ins Amazonasland, seit vielen Jahren schon und in großer Zahl, besetzen illegal große Landflächen oder pachten zu einem Spottpreis von den indigenen Völkern, die zwar die Landtitel besitzen, sie aber oftmals nicht zu schützen wissen. Bauern aus Cajamarca oder anderen Teilen Nordperus kommen auf der Suche nach fruchtbarem Land, sie holzen den Wald ab und legen Felder an – Reisfelder größtenteils, die durch die extensiven Anbaumethoden schon nach wenigen Jahren total ausgelaugt sind und dann landwirtschaftlich kaum mehr nutzbar sind. Auch Kaffee, Kakao, Palmherzen, Palmöl oder Zitrusfrüchte werden angebaut – und dort, wo Monokulturen sich breit machen, heißt das auch immer radikale Ausbeutung der Ressourcen. Zurück bleibt unfruchtbares Land, trocken, ohne Bäume, ohne Büsche, der Wüstenbildung preisgegeben. Ist das Feld abgeerntet, kommt das Feuer – die Bauern brennen die Reishalme ab, um das Feld „zu säubern“ – eine Praxis, die in Peru zwar schon seit geraumer Zeit verboten ist und aufgrund der anhaltenden Trockenheit im „Urwald“ jüngst zu großen Waldbränden führte. Doch keiner schert sich um die überall schwelenden Feuer, es gibt keine Strafen und so setzt sich diese Praxis weiter fort. Gibt das Feld nach ein paar Jahren absolut nichts mehr her, holzen die Bauern weitere Waldbestände ab, legen neue Felder an, bauen dort ihren Reis an oder andere, meist für den Export bestimmte Produkte – bis die Felder wieder ausgelaugt sind... und so geht es weiter, weiter, weiter... bis vom Urwald kein Wald mehr übrig bleibt, und schon gar kein „Ur“-Wald.

Es ist ein erschreckender Prozess, der schier unaufhaltbar zu sein scheint, auch wenn inzwischen am Straßenrand Schilder dazu auffordern, den Wald zu schützen, oder kein Feuer zu legen. Gleich hinter einem dieser Schilder steigt eine große, schwarze Rauchwolke in den Himmel – es erscheint mir wie ein bitterer Zynismus, dieser offenkundige Widerspruch zwischen Theorie und Praxis.

Das Gespräch mit dem Beauftragen für Umweltschutz in der Regionalregierung von San Martin bringt auch wenig Hoffnung – erstens ist er durch den x-ten Regierungswechsel, der jedesmal auch einen Austausch der gesamten Funktionäre in der Regierung mit sich bringt, erst seit 8 Tagen im Amt und muss sich erst mal eindenken, einarbeiten, die Pläne seines Vorgängers umformulieren und seinen Vorstellungen anpassen. Vermutlich ist er spätestens zu diesem Zeitpunkt auch schon wieder aus dem Amt verschwunden, weil ein Wechsel des Regionalpräsidenten mal wieder zum Austausch sämtlicher Funktionäre führt. Wenn sich aber die Regierung ausnahmsweise mal länger als ein Jahr im Amt halten sollte und er mit seiner Arbeit weiter als bis zum obligatorischen „Umplanen“ kommt, dann werden die Strategien, die er uns freudestrahlend präsentiert, wohl auch nicht den großen Umschwung bringen: der Beamte hofft in erster Linie auf die erfolgreiche Umsetzung neuer Gesetze und Anordnungen der Regierung, und präsentiert uns auch gleich freudestrahlend irgendeine „ordenanza“, die demnächst vom Umweltausschuss diskutiert und dann in Kraft treten soll.... doch welches Gesetz wäre in Peru nicht schon erfolgreich umgangen worden? Gerade dort, wo mächtige ökonomische Interessen im Spiel sind, ist das Papier, auf dem die peruanischen Gesetze geschrieben sind, besonders geduldig. Die Umweltgesetzgebung Perus ist nicht schlecht – aber die praktische Umsetzung ist eine Katastrophe (siehe oben erwähnte Brandrodungen). Angefangen von sich widersprechenden Landkarten und Katastern zu Landtiteln über korrupte Funktionäre, die weiter im großen Stil und unter dem Tisch Konzessionen zum Abholzen an internationale Konzerne verscherpeln, über Naturparks, in denen illegale Siedler große Felder anlegen bis hin zu den Cocabauern, die ihre verbotenen Züchtungen in den abgelegeneren Ecken des Waldes verstecken, tummelt sich in der peruanischen Selva alles, was irgendwie Geld aus dem grünen Dschungel ziehen will – und die Gesetzgeber und Ordnungshüter scheren sich recht wenig um die schönen Gesetze und zahlreichen Anordnungen zum Schutz des Regenwalds. Im Gegenteil – um dem Sarkasmus noch die Krone aufzusetzen, zeigt die peruanische Regierung weiter eifrig ihre Fernsehspotts, in denen der Urwald als das grüne El Dorado Perus angepriesen wird – nach dem Motto: gehet hin und labet Euch alle an den reichen Schätzen der Natur, die dort im Überfluss vorhanden sind und nur darauf warten, in Geld verwandelt zu werden.

Im Gespräch mit unserer Partnerorganisation, die in der Region vor allem die Rechte der indigenen Völker verteidigt, sich stark macht für die Einhaltung internationaler Konventionen zum Schutz der Amazonasvölker, die Menschenrechte verteidigt und kulturelle Rechte einklagt, sinkt unser Mut noch weiter. Ein Blick auf die Landkarte mit den bereits vergebenen Konzessionen zum Abholzen des Regenwaldes – nicht nur in Peru, sondern auch über die Landesgrenzen hinaus in Kolumbien, Brasilien und Ecuador – zeigt, dass der gesamte Amazonas quasi schon verkauft ist. Kaum ein Flecken, der nicht schon zur Ausbeutung freigegeben wäre. Und es braucht wenig, um uns von der Richtigkeit dieser Dokumente zu überzeugen: Überall in der Region begegnen uns große LKWs mit Holzladungen, fahren Boote beladen mit den Stämmen riesiger Bäume die vielen Flüsse hinab Richtung Brasilien.

Der Amazonas war einst die Lunge der Erde, ein wilder, grüner Dschungel, doch was davon übrigbleibt, sind landwirtschaftliche Nutzflächen, kahlrasierte Hügel, versteppte Landschaften. Doch die Tage der „Grünen Hölle“ sind gezählt, und ich fühle mich machtlos in Anbetracht der vielfältigen Probleme hier, der sich widesprechenden Interessen von Holz- und Ölkonzernen, von Kleinbauern und indigenen Völkern, von Naturschützern und Abenteurern, von Touristen und Drogenmafia.

Der radikale Kahlschlag bleibt nicht ohne Folge – die Regenfälle bleiben in der Region bereits aus, die Erde verwüstet, die Sonne brennt gnadenlos auf die ausgelaugten Böden. Ein riesengroßer Waldbrand frisst sich in den Wald, und die peruanischen Behörden sind darauf nicht vorbereitet. Nie zuvor hatte der Regenwald in solchen Ausmaßen Feuer gefangen.

Auch in den anderen Ländern unserer wird sich dieser massive Eingriff in die Natur rächen – erst neulich habe ich im Spiegel gelesen, dass die Erwärmung der Erde derzeit schneller voranschreitetals je zuvor.

Wir sprechen mit vielen verschiedenen Menschen in dieser Woche in Tarapoto, Yurimaguas und Moyobamba. Mit NGOs, mit einem engagierten Bischof, mit Vertretern von Eingeborenenorganisationen, die um den Schutz ihrer Heimat kämpfen. Wir sprechen mit Regierungsvertretern, Bürgermeistern und Menschenrechtlern, mit Anwälten und Journalisten.

Es ist immer das gleiche Lied, es sind immer die gleichen Probleme.... Doch. Ja. Es gibt auch Lösungsvorschläge, Ideen, Konzepte, Strategien, Papiertiger. Jeder hat seine eigenen Vorstellungen von der Lösung. Alle Organisationen, Institutionen und Interessengruppen haben Vorschläge. Und viele dieser Vorschläge sind gar nicht schlecht. Doch wo fließen diese fielen Vorstellungen zusammen in eine kohärente Strategie und gelebte Realität zum Schutz des Amazonas? Und wer wacht darüber, dass die Maßnahmen auch konsequent umgesetzt und nicht von verschiedensten Seiten unterlaufen werden?

Die Hoffnung nicht aufgeben. Weiterkämpfen. Weiter unterstützen. Weiter an das Unmögliche glauben... Vielleicht wird aus den vielen kleinen Ansätzen, aus den zahlreichen kleinen Steinchen irgendwann doch noch ein Mosaik, das sich zu einem sinnvollen Ganzen zusammenfügt?? Im Moment habe ich leider vielmehr das Gefühl, dass hier viele Köche einen ungenießbaren Brei zusammenrühren, der gekocht wird auf einem Lagerfeuer aus edlen Harthölzern aus dem Amazonas....

Und während noch viele, viele Gedanken in meinem Kopf herumgeistern, die ich gar nicht alle aufschreiben kann, ergreift mich allmählich die große Müdigkeit. Vielleicht kann ich ja morgen wieder optimistischer denken, wenn meine Seele auch wieder hier in Lima eingetroffen ist, wenn ein bißchen Alltag zwischen den Erfahrungen der vergangenen Woche und meinen heutigen Gedanken liegt...? Oder vielleicht sollte ich einfach ganz mit dem Nachdenken aufhören, meinen Wein zu Ende trinken und in’s Bett gehen....

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